Rom, den 5. März 1796.

Sie behandeln mich, meine Freundin (erlauben Sie, daß ich diesen trauten Namen gegen Sie gebrauchen darf), mit so viel Nachsicht und gütigem Zuvorkommen, daß das einzige Gefühl der Erkenntlichkeit hinreichend sein würde, auf immer in Ihrer Person meinen wohltätigen Schutzgeist zu verehren. Allein nicht dies Gefühl allein, eine tiefere unnennbare Empfindung spricht für Sie in meinem Innersten. – Würde ich geradezu diesem drängenden Hange nachgeben, so könnte ich allerdings keinem reizenderen Bilde entgegensehen, als dasjenige ist, welches Sie für das Glück und den vollen Genuß meiner künftigen Tage entwarfen.

Wohnung und Tisch mit Ihnen gemeinschaftlich haben, ja selbst Ihnen auf Reisen zu folgen – was könnte für meine Empfindung erwünschter, für meine Phantasie blühender sein? – Ich, der über alles Geselligkeit und traulichen Umgang mit gebildeten und gefühlvollen Personen wie Sie, meine Freundin, sind, liebe, und desto mehr zu schätzen weiß, je überzeugter ich bin, wie selten Menschen harmonisch zusammentreffen! – Allein hier drängt sich zwischen dies reizende Bild und meine volle Empfindung – die kalte Überlegung. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen hier mit derjenigen Offenheit, mit der ein Freund zur Freundin spricht, meine bisherige Lage und dadurch mein ganzes Gemüt schildere. Ich rufe Sie dann zu meiner Ratgeberin und Richterin auf!

Wahr ist es, daß ich so wenig an Rom gebunden bin, daß es mich kaum einen Tag kosten würde, mich auf und reisefertig zu halten. Dessenungeachtet ist Rom Hirt lebte seit Ende 1782 in Rom.
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seit zwölf Jahren
mein gewöhnlicher Aufenthalt. Der Reiz, den das Studium der schönen Künste und der alten Völkerkunde für meinen Geist hat, verbunden mit meiner gänzlichen Unabhängigkeit, machten mir mein bisheriges Hiersein erräglich: und ich habe in dieser Rücksicht So u.a. ein Angebot von Fürstin Louise von Anhalt-Dessau, sich in Wörlitz niederzulassen.
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mehr als einmal ein sicheres Glück im Auslande abgelehnt
, weil ich dabei den Hang zu meinen Lieblingsstudien nicht hätte pflegen können. Indessen, da ich seit meiner frühesten Jugend von meinem väterlichen Hause entfernt in Studien verlebte, so ist mein nicht großes Vermögen, das ich von meinen Eltern habe, nach und nach zu einer unbeträchtlichen Summe herabgesunken. Da ich also in der Rücksicht nicht unabhängig leben konnte, so bequemte ich mich zu dem Berufe, wissensbegierige Reisende zu begleiten. Dies Geschäft kostet mich zwar einen großen Teil meiner Zeit, wirft aber dabei soviel Gewinn ab, daß ich den übrigen Teil jedes Jahres frei für die Fortsetzung meiner Studien vollenden kann. – Eine Folge meiner Lage war zugleich Schriftstellerei, wie ich dann bereits mehreres in deutscher und italienischer Sprache drucken ließ und noch manches wichtigere zu bearbeiten unter Händen habe, wodurch ich zur Verbreitung des bessern Geschmackes nützlich zu werden hoffen darf. – Doch nachdem ich jetzt alle nötigen Materialien sowohl in Rom, als auf meinen Reisen im übrigen Italien gesammelt habe, so bin ich dadurch nicht mehr an dieses Land gebunden und ich könnte anderwärts auf gleiche Weise meine gelehrten Arbeiten fortsetzen.

Hier sehen Sie nun, meine gnädige Freundin, meine ganze wirkliche Lage. Natürlich hat dieselbe soviel Einseitiges, Unsicheres und Schwankendes, daß der Wunsch schon lange in mir rege werden mußte, derselben mehr Zusicherung und einen festern Fuß zu geben. Allein hierzu kann ich durch eigene Kraft nur wenig tun; alles hängt hierin von einer höhern Sendung und dem Mitwirken edler Menschen ab. Schwer ist es, einen Beschützer zu finden, der aus bloßer Liebe für die Künste und zum Fortgange dieser für sich so wichtigen Studien mir einen sicheren und lebenslänglichen Gehalt festsetzte, sowohl um meine Arbeiten ungehindert fortsetzen zu können, als auch gegen jeden unsichern Verfall für die nötigsten Bedürfnisse gedeckt zu sein.

Bei meinem ferneren Aufenthalte in Rom könnte ich für eine solche Unterstützung keine Gegendienste anbieten, als etwa der So etwa die Betreuung der Rom-Stipendiaten der Berliner Kunstakademie; ein Amt, das bislang von Friedrich Rehberg ausgeübt wurde, der dazu vom Minister Friedrich Anton von Heinitz nach Rom delegiert worden war.
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Direktor junger Leute zu sein, welche von fremden Akademien als Pensionär hieher gesandt werden
; und zugleich als Kommissionär alle die Geschäfte und Aufträge übernehmen, die ein Hof allenfalls in Kunstsachen zu geben bedürfen könnte.

Eine Unterstützung im Auslande wäre aber allerdings meinem Hange und Wünschen gemäßer. Allein ich wünschte dabei eine Stelle zu bekleiden und in demjenigen Fache zu arbeiten, wozu ich mich durch meine Studien besonders zu qualifizieren suchte, zum Beispiel als Aufseher eines Oberbaudirektoriums, als Vorsteher einer Kunstakademie oder als Mitglied einer gelehrten Gesellschaft, wie die Akademie der Wissenschaften in Berlin ist. In Rom würde ich zwar durch meine zweckmäßige Hilfe mehr auf den Gemeingeist zur Verbesserung des Geschmackes wirken können, allein im Auslande würde ich individueller für das Land nützlich sein können, wo ich wohnte.

Die Lage, das Klima und die Kunstschätze Roms haben vielen Reiz, aber wer den Wert des häuslichen und geselligen Lebens im engen Kreise zu empfinden imstande ist, der opfert hier zuviel auf. Der Ausländer muß auf jedes sympathetische Vergnügen, auf jedes traute und häusliche Verhältnis, wodurch fühlende Menschen glücklich sind, gänzlich Verzicht tun.

So ist meine Lage, so waren bisher meine Wünsche: doch alles waren nur Wünsche! Gegründete Hoffnung, erfreuliche Aussichten blickten mir noch nie entgegen: und – nun kommen Sie, holde Freundin! – Sie sympathisieren mit meinem Innern, ehe ich es durch Worte eröffne: Sie fühlen mein Gemüt und meine Lage: Sie kommen wie ein beseligender Schutzgeist, meinen Wünschen entgegen: Dies belegt das Bemühen der Lichtenau, Hirt bereits in Rom eine ernstzunehmende Perspektive in Berlin in Aussicht zu stellen. Das Angebot eines Hofmeisters oder Erziehers für den kleinen Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg, eines Sohnes von Friedrich Wilhelm II., lehnte Hirt jedoch ab. Unmittelbar nach seinem Eintreffen in Berlin im Herbst 1796 veranlasste sie den König, Hirt eine Anstellung an den beiden Berliner Akademien zu verschaffen. Siehe dazu den Brief des Königs an die Lichtenau, Oktober 1796: "Ich habe das wort nicht recht verstanden wo sie schreiben von ein mittel jemandt hier zu behalten; es scheint aber das es Professor hirte sein soll ist es er so werde gerne dazu beitragen, wie auch für jeden anderen für den sie sich interessiren" (GStA PK, BPH, Rep. 48 M, Nr. 58, unpaginiert). – Am 29. Oktober 1796 wurde Hirt auf Ordre des Königs zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste und Mitglied des Senats der Kunstakademie ernannt, eine Woche später, am 3. November 1796, zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
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Sie legen mir einen Plan vor
, der nebst der versicherten Unterstützung für mein Leben den angenehmsten Zauber für mein Herz in sich vereinigt – auf mehrere Jahre nahe an Ihrer Seite zu wandeln.

Aber vergeben Sie, Freundin, der kalten Vernunft, wenn ich dem Liebsten entsage, da ich die mitverbundenen Bedingungen nicht annehmen kann! Die Ursache ist kurz und klar: Nie habe ich mich mit der Führung und dem Unterricht junger Zöglinge beschäftigt. Ich weiß also gar nicht, ob ich die nötige Geschicklichkeit und Geduld für ein so wichtiges Geschäft haben würde; und um einen Versuch zu machen, hierzu, sehen Sie selbst, bin ich wohl zu alt.

So schön und edel die Absicht in Beziehung des Ihnen vertrauten Zöglings, so schmeichelhaft und erwünscht dieselbe in anderer Rücksicht für mich ist, so erheischt doch das Wohl des edlen Zöglings selbst, daß ich einem Amte entsage, wozu ich meine Fähigkeit mit Recht bezweifle.

Indessen kommt Ihre schöne Seele auch darin wieder meinen Wünschen zuvor. Sie bezeigen mir in dem Brief erschlossen: [Von der Gräfin Lichtenau 1796-03-04]
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gestrigen Schreiben
Ihren Wunsch und Ihre Hoffnung, mir auch in Berlin auf eine andere Weise behilflich sein zu können. Ich habe oben gesagt, zu was ich mich allenfalls geneigt und tauglich fühle: Ihre milde Hand walte also nach Ihrem Wohlgefallen und Vermögen über mich. Ohne übrigens Berlin zu kennen, glaube ich doch, daß diese Stadt viele Vorzüge in sich vereinige: und wohin folgte derjenige nicht willig, der sich von einer Freundin, wie Sie sind, den Freund in engerm Verstande nennen darf?

Ihr Aloys Hirt.

Die Gräfin Lichtenau reiste am 9. Mai 1796 von Rom ab, da der König erkrankt war und ihrer Unterstützung bedurfte (vgl. Tagebuch der Louise von Anhalt-Dessau, Bd. 1, S. 216)..
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Ihre Abreise ist nahe
: ich will und mag nicht daran denken, wie viel ich Ihnen zu sein gewünscht hatte und wie wenig ich Ihnen sein konnte! – Haben Sie noch etwas Näheres über mich oder mit mir zu disponieren, so bin ich mündlich oder schriftlich immer und immer der
Ihrige.