Rom im Jenner 1790.

An Herrn Herder in Weimar.

Seit einigen Wochen geht ein Gerede in der Stadt herum, daß ein Kopf des Apollo aufgefunden worden, welcher den Kopf des Für Winckelmann war der Apoll von Belvedere "das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums". - Goethe schrieb an Herder im Sommer 1771: "Mein ganzes Ich ist erschüttert, das können Sie dencken, Mann, und es fibriert noch viel zu sehr, als daß meine Feder stet zeichnen könnte. Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich in deiner Nacktheit, daß wir uns der unsrigen schämen müssen?" (Goethe, WA, IV, Bd. 1, Nr. 78, S. 264).
[Schließen]
Apollo von Belvedere
weit übertreffen soll. Niemand aber will wißen, wo er hergekommen, und wer der Besitzer davon sey. Leute, die ihn sehen, machen zur Zeit noch ein Geheimniß hievon. Nach vieler Mühe gelang es mir endlich heute von Zwey unsrerer beßten Künstler dahin geführt zu werden.

Bey dem ersten Anblick schien mir der Kopf nicht fremd zu seyn, und nachdem ich ihn näher untersucht, und bewundert hatte, besann ich mich deutlich, einen ähnlichen gesehen zu haben. Ich äußerte mich hierüber, und als man sich zu verwundern schien, gab ich auch den Ort an, wo ein ähnlicher stehe. Der Besitzer brach hier sein geheimnißvolles Stillschweigen, und gestand, daß dieß der nemliche wäre, und erzählte auch die Weise; wie er zum Besitz desselben gekommen. Dieß sezte mich in ein neues Staunen, denn der Kopf an seiner vorigen Stelle, wo ich ihn öfters sah, schien mir zwar ein guter Apollokopf zu seyn, aber das Außerordentliche, was ich iezt darin wahrnahm, war mir vorher nie aufgefallen, so wie es | 2 bißher auch noch niemand anderer bemerkte, obwohl der Kopf bereits seit 200 Jahren an einem der öfentlichsten Orte in Rom aufgestellt war. Das Räthsel ist dieß:

Der Kopf stand in einem Durchgange des Hofes vom Palast Giustiniani, in einem Nischchen, und an einer finstern Stelle sehr hoch; war ganz beräuchert, und mit Staub bedeckt. Die wahre Ansicht gieng dergestalt für jeden verloren, der nicht wie der Gegenwärtige Besitzer Gelegenheit hatte, ihn in der nähe zu betrachten.

Die zahlreiche Antikensammlung dieses Hauses ist bekannt. Sie ward in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ziemlich unordentlich Joachim von Sandrart hielt sich seit 1629 in Rom auf und war für Vincenzo Giustiani, einen der größten privaten Kunstsammler seiner Zeit tätig. In Giustianinis Auftrag organisierte er die Zusammenarbeit der beteiligten Stecher an der "Galleria Giustiniana" (Rom, 1631), einem umfangreichen Konvolut von Kupferstichen nach Antiken der Sammlung, und lieferte selbst zeichnerische Vorlagen.
[Schließen]
unter der Aufsicht Sandrat's aufgestellt, und gestochen
. Unter den nachherigen Besitzern ist vieles von davon verschwunden. Der jezige Besitzer Fürst , durch das Beyspiel anderer reichen Kunstbesitzer angetrieben, ließ nun eine neue Einrichtung mit den Sachen, die noch vorhanden sind, treffen. Ein hießiger Bildhauer, Namens Pacetti, ward hiezu gebraucht, der zugleich verschiedenes zu ergänzen hatte. Statt der Bezahlung bath der Künstler sich den mit Rauch und Schmuz bedeckten Über das Auffinden des antiken Kunstwerkes berichtet Zoega in ähnlicher Weise am 28. April 1790 an den Erbprinzen Frederik von Dänemark: "Ein antiker Apollokopf von besonderer Schönheit, welcher diesen Winter im Pallast Giustiniani entdeckt worden ist, wo er verborgen stand zwischen den vielen andern Antiquitäten, die dort in einem Magazin aufbewahrt sind, bis der Bildhauer Pacetti, der den Auftrag erhalten hatte diese zu arrangiren und zu restauriren, dessen Werth entdeckte und den Prinzen überredete, ihm denselben für eine geringe Geldsumme zu überlassen. Er hielt den Kopf lange geheim und bemühte sich ihn unter der Hand ausserhalb Rom zu verkaufen. Da er sich aber nicht genug in Acht nahm, so ward es bekannt, und er mußte das Stück zurückgeben, so daß es nun in der Gallerie Giustiniani als eins der vorzüglichsten gezeigt wird. Es ist unläugbar einer der schönsten antiken Köpfe in Rom, und nach meinen Gedanken viel schöner als der des Vaticanischen Apolls, welches auch das Urtheil Trippels und andrer Künstler ist. Er ist aus Parischem Marmor, in einem großen und edeln Styl, nicht viel Fleiß in Kleinigkeiten gezeigt; der Künstler ist einzig mit den großen Partieen und mit der Wirkung des Ganzen beschäftigt gewesen. Doch geben Andre den Vorzug dem Vaticanischen Apoll, in dessen Kopf sich mehr Detail findet, und dessen Haare auf eine elegantere Art ausgeführt sind. Der Gedanke und der Ausdruck ist ganz verschieden; im Vaticanischen Apoll herrscht, wie bekannt, eine Art Zorn oder Mißvergnügen: dieser zweyte ist voller Milde und zeigt zugleich etwas das sich dem Bacchischen Enthusiasmus nähert." (Zoega-Briefe, Bd. 2, Nr. 463, S. 459-462; hier S. xxx). Friedrich Gottlieb Welcker zitiert diesen Brief in seinem Verzeichnis der Bonner Sammlung von Gipsabgüssen und führt zum "Apollo Giustiniani" weiter aus: "jetzt unter den Antiques du Cabinet du Comte Portualès von Panofka edirt pl. 14, das wichtigste unter den Bildern dieses Gottes, und, wie man nach einer gewissen Schärfe und Härte in manchen Details schließt, nach einem Original in Bronze, worauf auch bey dem Apoll von Belvedere manches hindeutet. […] Müller hielt dieß Werk für nicht älter als die Schule des Lysippus und widerspricht sehr dem Urtheil, welches eine Mischung der Aeginetischen Strenge mit der Weise und Freyheit des Phidias darin erkennen wollte. Götting. Anz. 1837 S. 1871. Zu vergleichen sind besonders der Kopf aus Athen, über lebensgröße, im Hause Grimani in Venedig, Visc. Oeuvres div. II p. 417 pl. 15, und der kleinere im Mus. Chiaram. II, 6." Welcker vermerkt in einer Fußnote weiter: "Am Auffallendsten sind Ernst und selbst einige Schärfe, welcher sich in dem vortrefflichen Kupferstich eine gewisse jugendlich poetische Schmerzlichkeit beyzumischen scheint (Vgl. N. 148). Müller a.a.O. nennt den Charakter 'hoch gesteigert idealisch', den Ausdruck 'geistreich, schwungvoll, aber beynahe etwas manierirt."' Wagner im Kunstbl. 1830 S. 238 schließt aus der 'finstern, strengen Miene', deren Ausdruck durch das über der Stirn in einen Knoten geschlagene, sein Gesicht überschattende Haar noch verstärkt werde, daß dieser Apollo zu einer Gruppe mit dem Marsyas und seinem Henker gehörte und auf den gnadeflehenden Olympos herabschaute s. Nr. 15). Er bemerkt zugleich, daß derselbe Kopf sich nochmals im Palast des Fürsten Poniatowsky zu Rom finde, von gleich guter antiker Arbeit; nur sey in der Bearbeitung der Haare eine kleine Verschiedenheit zu bemerken." (Das akademische Kunstmuseum zu Bonn. Von dem Vorsteher desselben Prof. F. G. Welcker. Zweyte, stark vermehrte Ausgabe. Bonn 1841, S. 72-73). - Der Kopf wird von Hirt erwähnt in seinem"Bilderbuch für Mythologie, Archäologie und Kunst. Erstes Heft: Die Tempelgötter. Berlin 1805, S. 32, Abb. Tab. IV.1.
[Schließen]
Apollokopf
aus, den auch bey dieser Veränderung das Schicksaal treffen sollte, seine finstere, und erhöhte Stelle in dem Hofgange beyzubehalten.

Der Kopf gereinigt, und in sein gehöriges Licht gestellt, erscheint nun vor den Augen der Kenner als | 3 eines der ersten Kunstwerke; und dieser Fall ist ein neuer Beweis, mit wie viel sichern Augen man heutzutage das Schöne der alten Kunstwerke beurtheilt, als im vorigen Jahrhunderte, wo die Bildhauer das Studium der Antiken ganz aus den Augen verloren.

Der neue Besitzer ist nun mit dem Pabst in Unterhandlung getretten, und vermuthlich wird der Kopf bald in der vortrefflichen Sammlung des Päpstliche Sammlungen klassischer Skulpturen im Vatikan; gegründet 1771 von Klemens XIV. Ganganelli (1769-1774) und Pius VI. Braschi (1775-1799). Ende des 18. Jahrhunderts wurden sie in ein öffentliches Museum umgewandelt und dienten dem Schutz und der Erforschung der antiken Kunstwerke. - Der Apollo-Kopf kehrte in die Galerie Giustiniani zurück und wurde entsprechend als "Apollo Giustiniani" bezeichnet (heute im British Museum London).
[Schließen]
Museo Pio-Clementino
erscheinen.

Was die Vortrefflichkeit des Kopfes betrifft, bin ich nicht ganz von der Meinung derjenigen Kenner, welche ihn nicht nur dem Kopf des Apollo von Belvedere gleich setzen, sondern ihn weit vorziehen. Sie sind in Wahrheit beyde so schön, daß man sie nicht vorzugsweise vergleichen sollte, um so mehr da ihre Bildung in Rücksicht des Ausdruckes ganz voneinander verschieden ist. Ich habe beyde Köpfe (ein scharfer Abguß von dem von Belvedere stand darneben) lange und genau zusammen angesehen, und untersuchet. In beyden erscheinet der schöne erhabene Jüngling, der große Sohn Jupiters, dem die Künstler unter allen deßen Söhnen immer am meisten Ähnliches mit dem Vater gaben. In beyden sind die Hauptformen die nemlichen; der Unterschied liegt in dem Ausdruck, und in dem Stil. In dem neuaufgefundenen herschet eine besondere Milde, Ruhe, Güte; sein Haupt ist sanft auf die rechte Seite geneigt, wie der Kopf eines liebeträumenden Bacchus. Die Haare, welche in schlichten Parthien zu beyden Seiten | 4 hohe Gesicht, nichts sezet die Muskeln in Bewegung.

Welch ein Unterschied, wenn man den Apollo von Belvedere dagegen betrachtet. Alles ist Bewegung, alles Ausdruck. Hoher Stolz, Gefühl der gesättigten Rache, Unwillen zeiget sich in jedem theile, in jedem Gesichtszuge.

Nicht wie in jenem liegen die Haare in schlichten Parthien an Stirn und Schläffen herab. Beyde sind frey, und die Haare von Schläffen selbst in den stolzen Busch hinaufgezogen. Die hintern Haare heben sich vom Kopfe ab in fliegenden Locken.

Die Linie welche Augenknochen und Oberstirne trennet, ist markirter; die Muskeln über den Augenbraunen sind angeschwellt, und tretten vor.

Das Auge lieget gerade, und ist weniger scharf geschnitten, das untere Augenlied füllet sich durch den geschärften Blick des Augapfels.

In der Nase zeiget sich der Ausdruck eben so bestimmt: Der Unmuth öfnet die Naselöcher, und machet die Nüße derselben schwellen. Der Mund ist dem Hauch geöffnet, die Oberlippe besonder t s bestimmt und fest; die Muskeln zu beyden Seiten des Mundes sind angeschwollen.

Durch die starke Wendung des Kopfes nach der linken Seite werden die beyden Strekermuscheln zu über der Zeileden Seiten der Gurgel gespannter, und die Gurgel selbst tritt stark hervor. | 5

Harmonisch ist jeder Gesichtszug mit der kühnern Bewegung des ganzen Marmorbildes. Nichts hat Ruhe; alles athmet Geist, jedes Glied ist durch den Ausdruck eines empörten Gottes Stolzes, eines zum Unwillen gereizten Gottes beseelt. Aber wie edel, wie eines höhern Wesens würdig, wie fern von aller entstellenden Grimaße!

Es ist ein unaussprechlicher Reiz diese beyden Köpfe so nebeneinander zu betrachten. Ihre Hauptformen wie ähnlich! ihre Züge wie verschieden! -

Wie auffallend wird in jedem Zuge die Bewegung und der Ausdruck des Unwillens in dem einen durch den Kontrast der Sanftheit und Ruhe in dem andern! - Nur in dem verschiedenen Putz, und Bearbeitung der Haare welcher Sinn, welche hohe Idee Überlegung jener alten Künstler!

Wären diese zwey Köpfe von einem Zeuxis oder Apelles gemalt, so würde der Unterschied des Ausdruckes noch sichtbarer seyn: Sanfte Übergänge, schmelzende Töne würden, um dem einen Ruhe zu geben, grelle Lichter und Schatten dämpfen, im zweyten hingegen würde die Farbe entbranter | 6 und durchsichtiger, die Lichter spitzer, die Schatten schneidender, und die Wiederscheine schimmernder seyn. -

Welcher Inbegriff von feinen Empfindungen und schweren Kenntnißen ist die Kunst, wenn man die Werke jener Alten betrachtet!

Hirt.

Nota. Der Fürst Giustiniani, welcher durch einen Zufall erfuhr, welch ein wichtiges Kunstwerk er in dem Kopf dieses Apollo an den Bildhauer Pacetti abgetretten hatte, suchte seither denselben wieder an sich zu bringen, welcher auch bereits unter den beßten Sachen der reichen Antikensammlung dieses Hauses aufgestellt worden ist.