Ueber die Gegenstände der Kunst bei den Aegyptern. / Von Herrn Hirt.

I. Die Götter.

Aegypten, die Wiege der Menschenbildung, war von jeher ein Gegenstand ämsiger Forschung. Aber alles, was sich auf dieses Land bezieht, ist so fremd, so einzig und abweichend von dem, was wir sonst kennen, dass unerachtet der Bemühungen so vieler Gelehrten und Reisenden wir immer nur noch, wie an der Schwelle eines geheimnissvollen Baues stehen. Nur bis in die Propyläen war uns bisher vorzudringen erlaubt. Doch haben die Anstrengungen der letztern Zeit auch hierin bessere Aussichten eröffnet. Man darf nicht verkennen, dass der französische Heerzug in jenes Land unsere Kunde mit einem über alle Erwartung reichen Material ausgestattet hat. Deutlicher steht das Geographische und Topographische des Landes vor unsern Augen, wenn nicht in jedem, doch in dem meisten. Die Kenntniss in dem Geologischen und Mineralogischen hat sich erweitert, die Natur des Flusses und des Bodens im Nilthale, das Clima, die Pflanzenwelt und der Anbau, das Thierreich in allen Gattungen ist uns viel bekannter geworden. Und wer weiss nicht, wie viel all dieses beitragen muss, uns eher in das Geschichtliche früherer Zeiten zu finden! - Besonders aber sind uns die Kunstdenkmäler des Landes in einer Vermehrung, und mit einem Grade von Klarheit gegeben worden, dass es scheint, eine neue Welt habe sich vor uns aufgeschlossen. Zwar birgt das Land noch viel Unerforschtes, und viel wird von dem Bekannten zu berichtigen sein. Grosse und wesentliche Nachlesen sind noch zu erwarten. Manches haben uns Reisende seitdem schon gegeben, manches versprochen. Allein unter dem, was uns bis jetzt das grosse Werk der Expedition in Aegypten geliefert hat, ist des neuen so viel, und die Art, wie es gegeben ist, erweckt im Ganzen so viel Zutrauen, dass der in der Heimath Zurückgebliebene mit neuem Muth beseelt wird, die Aegyptischen Studien wieder vorzunehmen. Der Stoff ist gleichsam unendlich; und es giebt keine Klasse Academisch-Gelehrter, welcher nicht Gelegenheit gegeben wäre, ihren Scharfsinn zu üben. Der Geolog, der Geograph, der Naturforscher, der Astronom, der Ethnograph findet hier seine Aufgaben, so wie der Theolog, der Philolog und Archaeolog; und schön wäre es, wenn eine Gesellschaft solcher Männer sich einigte, hauptsächlich mit Gegenständen, welche Aegypten und die älteste Völkerkunde betreffen, sich zu beschäftigen. Oder wäre es etwa eitel, sich näher mit einem Lande und einem Volke zu befassen, von welchem alle physische und moralische Bildung der Menschheit ausging? - Von welchem aller Saame von Wissenschaft und Kunst, von Religion, Sittlichkeit und bürgerlicher Ordnung, vom Anbau der Erde und dem Kunstfleiss in allen Zweigen zu den andern Völkern überging? - Ich weiss zwar wohl, dass nicht jeder diese Ansichten mit mir theilt; dass viele, selbst unter den Neuesten, die Kultur der Griechen unabhängig von der Aegyptischen wähnen, und lieber die wunderlichsten Wege und Strassen ersinnen, auf denen vom weiten Osten gewisse Culturzweige nach den Westländern gekommen sein sollen. - Aber ich zweifle nicht, die Zeit wird kommen, wo die Forschung jene chimärischen und unfruchtbaren Steppen verlassen, und ihre Aufmerksamkeit jenem Lande zuwenden wird, wo noch tausend der wichtigsten Monumente zu uns sprechen.

Meinen Studien und meiner vorzüglichen Neigung gemäss war es mir nur erlaubt einige nähere Blicke in die Natur der Kunst und in ihren geschichtlichen Gang zu thun, wovon das Aegyptische natürlich nicht ausgeschlossen werden konnte. Durch zwei Abhandlungen, die eine über das Wassersystem, und die andere über den Pyramidenbau der alten Aegypter, habe ich früher meinen Beruf zu dieser Art Arbeiten beeurkundet, und eine andere Arbeit, die ganze Geschichte der Baukunst bei den Aegypteern und andern Völkern, liegt zum Drucke bereit. Doch nicht bloss das Baugeschichtliche zog meine Aufmerksamkeit auf dieses Land, sondern auch die bildlichen Denkmäler, und in solcher Beziehung habe ich früher in dieser Gesellschaft eine Abhandlung vorgetragen, die das Material, die Technik und den Grad der Vollkommenheit der bildenden Künste bei diesem Volke umfasst, mit Berücksichtigung dessen, was andere Völker, und besonders die Griechen, hierin von den Aegyptern lernen mochten.

Schwerer und weniger meinen Kräften angemessen bleiben die bildlichen Denkmäler der Aegypter nach ihrer objectiven Ansicht. Viele haben ihre Deutung versucht; und Zoega, der gelehrteste unserer Zeit, mit dem ich durch eine Reihe von Jahren täglich zusammenlebte, verzehrte in solcher Forschung sein Leben. Wer bewundert nicht den Umfang seiner Bemühungen und seiner Kenntnisse in dem Werke: von den Obelisken? - Und doch im Vergleich zu dm Erforschenden wie wenig Ergebnisse! - Ein grosser Verlust ist es, dass er die Ausgabe des grossen französischen Werkes über Aegypten nicht erlebte. Wie viel Hülfsmittel wären seiner Forschung auf einmal mehr zu Gebote gestanden! -

Die Ausbeute, die das französische Werk uns giebt, ist so bedeutend, dass es auch ein Geringerer wagen darf, jetzt einen forschenden Blick auf die bildlichen Denkmäler der Aegypter zu werfen.

Gewisse Gegenstände, von denen man früher keine Kenntniss und kaum eine Ahnung hatte, dass die Agyptische Kunst sich je damit beschäftigte, stellen sich dem Auge klar dar, wie die Vorrichtungen des Landbauers, des Winzers, des Hirten, des Fischers, des Vogelstellers und des Schiffers: eben so manche gymnastische Uebungen und musikalische Spiele. Von ähnlicher Deutlichkeit ist der Naturausdruck bei Feld- und Wasserschlachten, bei Erstürmung von Festungen und bei andern Vorgängen, die sich auf Krieg, Sieg und Frieden beziehen.

Dunkler für die Deutung stellen sich die religiösen Gebräuche, die heiligen Weihen, die Opfer und Aufzüge dar: und eben so was sich auf Leichengebräuche und den Glauben nach dem Tode bezieht.

Die Bildungen der Gottheiten und heiligen Thiere werden so viel, und in so mannigfachen Beziehungen vorgeführt, dass wir erwarten dürfen, auch in dem, was das Göttersystem des alten Aegyptens betrifft, unsere Kenntnisse erweitert zu sehen. Ferner von der Entdeckung der vier Thierkreise mit der Abbildung der Nebengestirne was lässt sich für die Geschichte der Sternkunde und der Zeitrechnung nicht erwarten? -

Ich spreche nicht von der Menge der Hieroglyphen, mit welchen die früher bekannten vermehrt worden sind; und so geringe Hoffnung auch vorhanden ist, dass man je zu ihrer Entzifferung komme; so scheint sich doch eine Stufe dazu anzubieten in der nicht geringen Zahl von Papierrollen mit Altägyptischer Sprachschrift, zu deren Kenntniss der Stein von Rosette wohl der Schlüssel werden könnte.

Dies sind die Gegenstände.

Am leichtesten und am angemessensten meinen Kräften würde es sein, von denjenigen Monumenten zu sprechen, die sich durch ihren Naturausdruck am deutlichsten darstellen. Auch wäre eine solche Arbeit die erfreulichste für den, der sich am liebsten mit den Monumenten als Werken der Kunst beschäftigt. Denn wirklich stellen gerade diese Denkmäler die Kunst der Aegypter in eine Ansicht, und auf eine Höhe, wovon die früher bekannten Monumente kaum eine Ahndung gaben. Die Anordnung ist bei vielen nicht nur ungezwungen und natürlich, sondern manche stellen in der Bewegung und in der Handlung ein solches Feuer und Leben dar, dass wir bei andern kunstreichen Völkern kaum etwas Aehnliches finden. Dabei sind die Ideen manchmal nicht nur durch ihre Grossheit, sondern auch durch ihre Zartheit überraschend. Ferner erscheint nicht bloss das Eigenthümlich-Aegyptische in Gesichtbildung, Bewaffnung und Costüm, sondern man sieht, dass die Künstler des Landes auch recht gut die Bildung und das Eigene fremder Völker zu bezeichnen verstanden. Doch mehr über diese Art Gegenstände zu sagen, habe ich mir zu einer andern Zeit vorbehalten.

Für jetzt wünschte ich einen Versuch zu geben über die bildliche Darstellung der Aegyptischen Götterwesen, das ist: ich möchte in den vorhandenen Monumenten für jede der Gottheiten des Aegyptischen Pantheon jene Bezeichnungen und Gestalten auffinden, wodurch jede einzelne charakterisirt ward.

Für den Bewanderten im Aegyptischen Alterthum braucht es kaum der Anzeige, wie beschränkt unsere Kenntniss bis jetzt in diesem Theile der Aegyptischen Götterlehre war. Es fehlt zwar nicht an Bemühungen trefflicher Gelehrter, welche theils über einzelne Gottheiten, theils über das ganze Pantheon der Aegypter Licht zu verbreiten sich angelegen sein liessen. Ein ehemaliges Mitglied der Gesellschaft, Paul Ernst Jablonsky, verdient in dieser Beziehung besondere Erwähnung. Aber unerachtet solcher Bemühungen scheint es, dass man die Arbeit immer wieder von vorn anzufangen habe. Daran ist nicht bloss Ursache die grosse Menge der Monumente, welche entweder ganz neu zum Vorschein gekommen, oder früher weniger gekannt und illustrirt worden sind, sondern auch die Methode, deren man sich bei der Darstellung der Aegyptischen Götterwesen bediente. Man nahm ohne Unterschied alles auf, was sich in den alten Schriftstellern vorfand ohne Rücksicht des Alters und des Werthes derselbn. Herodot und Strabo haben nicht mehr Ansehen als die Orphiker und Neuplatoniker, die Fragmente des Manetho nicht mehr als Porphyrius und Eusebius. Dazu kam ein unglückliches Etymologisiren aus dem Coptischen, welches, anstatt aufzuklären, das Dunkel nur mehrte.

Ich habe hier den Versuch gemacht, nur von Einem Schriftsteller auszugehen, diesen als Leitfaden zu gebrauchen, und dann die Nachrichten Anderer, wie die Kritik es erlaubt, anzuknüpfen. Dieser Schriftsteller ist kein anderer als Herodot. Er bringt nicht allein das Meiste und Giltigste von der Götterlehre der Aegypter bei, sonderner ist in der Reihe der Geschichtschreiber auch der älteste. Er verdient um so mehr Zutrauen, weil keiner, wie es scheint, alle Theile und Orte Aegyptens so genau bereiste, wie er. Er lebte und unterrichtete sich unter den Priestern der vornehmsten Tempel zu Heliopolis, Memphis und Thebae, wie er selbst ausdrücklich berichtet (2, 3.). Diese genauere Kenntniss des Landes und Volkes bewährt sich auch in seinen Berichten, und nur zu bedauern ist, dass in Beziehung auf religiöse Gegenstände ihn eine fromme Scheu fesselte, über Vieles absichtlich ein hartnäckiges Stillschweigen zu beobachten. Dessen ungeachtet erhält man durch keinen, wie durch Herodot, einen so klaren Ueberblick von dem Ganzen des Göttersystems bei den Aegyptern.

Er stellt den ältesten Zustand des Landes als eine Theocratie oder eine Hierarchie dar, wo die Götter selbst oder in ihrem Namen die Priestder regierten. Anfänglich waren der Götter nur acht (2, 46.) Dann kamen vier andere, die aus den acht entsprossen waren, hinzu, so dass die Zahl sich auf zwölf belief. Diese zwölf waren vorhanden 17,000 Jahre vor dem, Könige Amasis, der ein Zeitgenosse des grossen Cyrus war (2, 4. und 44.). Endlich wurden aus den zwölf noch fünf neue Götter geboren, welche wie die vorigen einer nach dem andern regierten, und von denen Horus der letzte war. Später fand keine Geburt der Götter mehr statt, und von Horus ging die Herrschaft auf die Könige über, deren Dauer bis auf Amasis 15,000 Jahre betrug (2, 142.).

So viel von dem Göttersystem der Aegypter im Allgemeinen.

Aber jetzt fällt die Frage: welche Namen und Aemter hatten diese siebzehn Götter Herodot's? welche gehörten zu den ältesten acht? welche zu den vier hinzugekommenen der Zwölf? und welche zu den Fünf letzten?

Hier zeigen sich gleich die Schwierigkeiten. Herodot giebt weder eine Namensliste der Acht, noch der Zwölf, wohl aber den Fünf letztern. Nur zerstreut in seinem Werke kommen die Götternamen vor, und zwar immer die Griechischen, selten mit Beifügung der Aegyptischen. Es sind folgende (wobei der allgemeinen Bekanntheit wegen wir uns der latienischen Benennungen bedienen):
1) Latona, 2) Pan, 3) Jupiter, 4) Vulcan, 5) Minerva, 6) Sol, 7) Luna, 8) Venus, 9) Hercules, 10) Mars, 11) Mercurius, 12) Bacchus, 13) Ceres, 14) Typhon, 15) Apollo und 16) Diana. Hier also fehlt ein Name von der Zahl der Siebzehn, der sich aber aus dem folgenden ergeben wird.

Welche von diesen Gottheiten zur ersten Classe der acht, oder zur Classe der Vier von den Zwölf, oder zu der der Fünf von den Siebzehn gehören, ist gleichfalls nur von einigen angedeutet. Bestimmt rechnet Herodot zu den alten Acht die Latona (2, 155.) und den Pan (2, 46. und 144.). Dass auch Jupiter dazu gehöre wird durch einen Schluss klar. Er zählt nämlich den Hercules unter die Vier der Zwölf, welche aus den Acht geboren wurden, und nennt dann den Jupiter als den Vater des Hercules (2, 42. u. 43.). Hier fehlen also Fünf von den Acht, deren Namen nicht bestimmt angegeben sind.

Von den Vier der Zwölf wird Hercules allein genannt; wo also drei fehlen. Nur die Fünf der Siebzehn, welche aus den Zwölf zuletzt geboren sind, werden bestimmt angegeben, nämlich Bacchus, Ceres, Typhon, Apollo und Diana (2, 145. und 156.).

Es bleibt also auszumitteln, welche Fünf noch zu den alten Acht und welche Drei zu den Vier der Zwölf gehören. Bevor wir aber solches beginnen, wollen wir noch angeben:
welche Gottheiten der Griechen nach Herodot die Aegypter nicht gekannt haben. Diese nach ihm sind: Neptun, die Dioscuren, Vesta, Juno, Themis, die Grazien und die Nereiden, zugleich mit dem Beisatze: alle übrigen Götter wären von jeher in Aegypten bekannt gewesen (2, 43. und 50.).

Ferner bleibt noch zu bemerken, dass Herodot von der Götterlehre der Aegypter nie an und für sich spricht, sondern immer in Beziehung auf die Götterlehre der Griechen, in jedem Fall und überall die Meinung kundgebend, dass die Griechen die meisten ihrer Götter, so wie das Wesen ihres religiösen Dienstes - die Orakel, die geheimen Weihen, die Augurien, die Opfer und das Gepränge der Aufzüge - aus Aegypen empfangen, und nur dieses und jenes in dem Laufe der Zeit nach ihrer Weise abgeändert hätten. Daher geschah es, dass Herodot nie eine Aegyptische Gottheit benennt, ohne zugleich die Griechische Benennung beizufügen, und öfters giebt er bloss den Griechischen Namen an, dadurch andeutend, dass mit den so benannten Gottheiten die Aegypter ähnliche Begriffe verbanden.

Hiernach glaube ich: dass dem Forscher vor allem andern Gesetz sein muss, dem Ansehen Herodots vorzugsweise zu vertrauen, und ihn so viel möglich aus sich selbst zu erklären. Erst dann mögen die Nachrichten anderer späterer Schriftsteller an die Reihe kommen, wo seine Aussage nicht zureicht. Welches Zutrauen aber die Nachrichten Anderer verdienen, muss sich aus der Sache selbst ergeben. Ohne Zweifel enthalten spätere und die spätesten manches, was zur nähern Aufklärung und Bestätigung aushilft. Manches ging selbst erst aus den Mysterien hervor, als das alte System in Verfall kam und neueren Ansichten Raum geben musste.

Bei unserer Forschung kommt es aber hauptsächlich auf die bildlichen Monumente an. Durch Vergleichung müssen wir auszumitteln streben, wo die Nachrichten schweigen oder nur Dunkles und Zweifelhaftes überliefern.

Ich hätte mich in diesem Eingange gern kürzer gefasst, wenn man bei der Behandlung solcher Gegenstände kurz sein könnte. Indessen wiederhole ich es, dass es keinesweges meine Absicht ist, mich weitläuftig über die Götterlehre der Aegypter auszubreiten, oder gar eine vergleichende Aufstellung zwischen den Mythen der Griechen und der Aegypter zu geben. Ich will bloss die bildliche Darstellung der Aegyptischen Gottheiten versuchen, wie sie jetzt in den uns bekannten Denkmälern vorliegen.

Ich gebe zuerst: die acht alten Götter, und unter diesen
1. Latona. Diese Göttin wird bestimmt zu den Acht gezählt. Sie hatte ihren Tempel, dessen Pracht näher beschrieben wird, und ihr Orakel, welches das berühmteste in ganz Aegypten war, zu Buto, nahe dem Sebenytischen Ausflusse, und am See Chemmis, auf dem man eine Insel schwimmend nannte. Von ihrem Mythus ist bekannt, dass Isis-Ceres ihre Kinder, Horus-Apollo und Bubastis-Diana, um sie den Verfolgungen des Typhon zu entziehen, zu ihr flüchtete, und Latona die Nährmutter und Erzieherin der beiden Kinder war. In der Stadt war auch ein Tempel des Apollo und der Diana, und auf der sogenannten schwimmenden Insel ein anderer grosser Tempel des Apollo mit drei Altären (wahrscheinlich einer für jedes der Kinder, und einer für die Nährmutter). Eine schöne Pflanzung von Palmen zierte den Umfang des Tempels und der Insel (Herod. 2, 59. 63. 83. und 155.) Unter den heiligen Thieren wurden die Spitzmäuse und die Falken nach Buto zum Begraben gebracht (Herod. 2, 67.). Die Spitzmäuse wahrscheinlich heilig der Latona und die Falken dem Apollo. Auch soll nach Aelian (de N. A. 10, 47.) das Ichneumon der Latona geheiligt gewesen sein. Nach Stephanus von Byzant war Buto, der Name der Stadt, auch der Aegyptische Name der Latona.

Welchen Grund mag aber Herodot gehabt haben, diese Göttin mit dem Namen Latona zu bezeichnen? - Wahrscheinlich die Aehnlichkeit ihres Mythus mit dem der Gottheiten von Delos und Delphi.

Die neu entstandene, noch schwimmende Insel Delos giebt der Latona mit ihren Kindern gegen die Verfolgungen des Drachen Pytho Schutz. Allda sind die Tempel, Altäre und Festlichkeiten dieser Götter nebst dem See und der Pflanzung der Palmbäume. Wie Horus den Typhon, so besiegt Apollo den Verfolger Pytho, und richtet sein Orakel ein. - Doch genug um den Grund einzusehen, warum Herodot die Aegyptische Göttin Buto mit dem Namen der Latona belegte. In der Folge werden sich noch andere, weniger bekannte Aehnlichkeiten ergeben.

Bei der Idee, dass Spätere unter dieser Göttin bald das Chaos, bald die Nacht verstehen wollen, halten wir uns nicht auf. Ich finde keine Monumente, welche darauf hinleiten. Wohl aber giebt es deren nicht wenige, welche sie als Nährmutter des Apollo und der Diana kenntlich machen. Auf Taf. I. Fig. 1. (Philae tom. I. Pl. 22. Fig. 4.) nährt sie das Kind auf ihrem Schoos; in Fig. 2. (ebendas. Fig. 2.) nimmt der Knabe seine Nahrung schon stehend, und in Fig. 3. thut er dasselbe, gleichsam schon zum Jüngling herangewachsen. In Fig. 4. (Apollinopolis magna t. I. Pl. 63. Fig. 2.) erscheinen Apollo und Diana noch als Kinder, das eine an der Brust der Nährmutter, das andere stehend auf dem Schoose des neben der Göttin thronenden Helios, des Vaters von Apollo. In Fig. 6 (Ombos t. I. Pl. 45. Fig. 5.) wird Horus von zwei Göttinnen (der Mutter und der Nährmutter) auf den Thron selbst erhöht. Ich schweige von mehreren andern Monumenten, wo die Göttin in ähnlichen Beziehungen vorkommt. Nur eins kann ich nicht übergehen, welches auf dem schönen Torso von schwarzem Basanit im Museo Borgia eingegraben ist. Hier sieht man die Göttin den Horus nährend, und unter ihrem Throne zugleich das ihr geweihte Ichneumon. Eben der der Göttin heiligen Thiere wegen glaube ich sie ferner in einem Götteraufzuge zu erkennen, wo sie ein wie eine Säge bezahntes Instrument, das wir einen Nilmesser nennen wollen, verkehrt in der Linken trägt, mit der Eigenheit, dass auf dem Endringe das ihr gleichfalls heilige Thier, die Spitzmaus, sitzt (Fig. 5.).

Die Aegyptische Kunst bietet uns nicht jene Verschiedenheit in der Charakterisirung ihrer Gottheiten dar, wie die Griechische. In der letztern findet sich gleichsam jeder Gegenstand individualisirt: die Gesichtsbildung, die Gestalt, die Art der Bekleidung, oder das Nakte, die Stellung und Gebehrdung, die Haare, der Bart, alles stellt sich in seiner Eigenthümlichkeit dar, und um sie zu erkennen ist nicht nöthig bloss auf bestimmte Attribute Rücksicht zu nehmen, oft ist das Fragment eines Auges, eines Mundes, einer Brust, eines Stück Gewandes u.s.w. hinreichen, um den Gegenstand, dem ein solcher Theil angehörte, wieder zu erkennen. In der Aegyptischen Kunst ist es nicht so. Die Idee der Darstellung ist entweder nur durch beigefügte Attribute oder durch die Beziehung zu andern Figuren erkennbar. Die Gestalten bieten unter sich nur geringe Verschiedenheiten dar, und eben so die Stellungen und das Costum.

Ich bemerke dieses, um anzudeuten, dass solches auch der Fall mit den Figuren ist, in welchen wir hier die Latona dargestellt glauben. Diese Figuren haben nichts Eigenthümliches, und wir erkennen sie nur durch Attribute und Beziehungen. Die Göttin hat in den meisten Monumenten einen Kopfputz, der in einer Mütze nach dem Bilde des langhalsigen Geiers besteht: vorn an der Stirn erscheint der Kopf des Vogels, die Flügel hängen zu beiden Seiten herab, und der stumpfe Schwanz deckt den Hinterkopf. Dann erheben sich über der Mitte des Scheitels zwei Hörner, in welche eine runde Scheibe eingelassen ist. Allein auch dieser sonderbare Kopfputz war nicht bloss der Latona, sondern allen Muttergöttinnen eigen, als der Venus, der Ceres, und selbst der Luna. Das Sinnbild der Geierhaube erklärt Horapollo (1, 11.) andeutend, dass dieser Vogel eine solche Liebe zu seinen Jungen trage, dass er aus Mangel des Futters seinen Schenkel aufreisse, um die Jungen mit dem eigenen Blute zu nähren. Spätere erzählen dies vom Pelikan, dem aber die Aegypter eine andere Deutung geben (Horap. 1, 54.).

Wir bemerken ferner: dass solche mit dem Horus vorkommende Mutterfiguren gemeinhin für die Isis selbst genommen wurden. Allein nach dem angegebenen Mythus mit Unrecht, obwohl ähnliche Vorstellungen auch der Isis nicht abzusprechen sind.

2. Pan. Der Aegyptische Name dieses Gottes, der bestimmt zu den acht alten gehörte, ist Mendes. Eine Stadt am Mendesischen Ausflusse, wo er sein Heiligthum hatte, ward nach ihm genannt. Der Bock und die Ziege3n waren ihm heilig. Seine Bildung war von der des Griechischen Pan nicht verschieden. Er hatte eine Mannsgestalt mit Bocksfüssen und eine dem Bock ähnliche Gesichtsbildung mit Hörnern und langen Ohren. So weit Herodot (2, 46. und 144.).

Nach Diodor (1, 18.) sah man seine Bilder häufig auch in den Heiligthümern anderer Götter durch ganz Aegypten, und einen eigenen Tempel hatte er noch zu Chemmis oder Panopolis in Ober-Aegypten, welches auch durch eine Inschrift bei Pococke (II. pag. 277.), genauer bei Hamilton (Aegypt. p. 265.) gegeben, bestätigt wird. Nach Stephanus von Byzant sah man allda eine grosse Statue mit dem Phallus und mit der Peitsche gebildet, welche den Pan vorstellen sollte. Bilder in solcher Art kommen in dem grossen Werke der Expedition oft vor, aber keines ist darunter, das irgend etwas Bocksartiges hätte, wie nämlich Herodot den Pan beschreibt und in der Folge wird sich ergeben, dass solche Denkmäler nicht dem Pan, sondern einem andern Gotte angehören.

Uebrigens ist es auffallend, dass in den Aegyptischen Monumenten, die man bisher kannte, nie eine Bildung von Pan vorkommt, und in dem Französischen Werke nur eine Vorstellung desselben sich findet und diese noch beschädigt. Man sehe Taf. I, Fig. 7. Die Zeichnung ist aus den Grotten von Silsilis (B. I. Pl. 45. Fig. 14.) entnommen und hier erscheint er allerdings in seiner Hauptbezeichnung, mit den Bocksfüssen. Seine Bildung stellen ferner die Münzen von Panopolis und von Mendes unter Hadrian vor. Aber hier ist er durch eine merkwürdige Milderung veredelt. Er ist ein bärtiger Gott mit dem Modius auf dem Kopfe, in langer Tunica mit dem Mantel darüber gekleidet, und auf der ausgestreckten Rechten trägt er sein Sinnbild den Bock (Zoega num. aeg. imp. Pag. 125. tab. 21. n. 17.).

Ferner glaube ich nicht vergessen zu dürfen, dass geschnittene Steine den Pan in der Mitte des Thierkreises vorstellen, mit dem Phallus und auf der Tuba blasend, dabei eine angezündete Ara, an der sich ein Bock aufrichtet, im Felde ein Stern (s. mein Bilderb. Heft 2. Tab. 21. 5.). Die Arbeit der Gemme ist zwar römisch, aber sie scheint nicht den blossen Feldgott zu bezeichnen, sondern eine höhere Idee nach den Cosmogonischen Begriffen der Aegypter, worüber man den Pausanias (8, 37.) und Macrobius (Sat. 1, 22.) nachlesen kann.

3. Jupiter. Sein Aegyptischer Name ist Amun, der seinen Haupttempel zu Thebae hatte, wovon noch sehr weitläufige und grössere Ruinen vorhanden sind, als irgend von einem andern Bau des colossalen Aegyptens. In diesem Tempel war es, wo Herodot die 345 hölzerne Colossen der Oberpriester sah, welche von Vater zu Sohn nach einander durch 11,340 Jahre den Tempeldienst verwalteten (2, 143.). Der Mythus erzählt, dass Amun der Vater des Hercules sei, der seinem Sohne, als dieser ihn zu sehen verlangte, nicht in ganz menschlicher Gestalt erschien, sondern sein Antlitz maskirt mit einm Widderkopfe. Daher der Gebrauch erwuchs, den Amun mit dem Widderkopfe zu bilden. Hercules war von den Vier der zwölf Götter, die aus den Acht geboren wurden: ein Beweis, dass der Vater Amun zu den ältesten Acht gehörte (Herod. 2, 24. 42. 43. und 83.). Die Bildung des Aegyptischen Jupiter ist also in den Monumenten nicht zu missdeuten; auch ward er früher bekannt durch kleine Figuren in Porzelan mit grünem Firniss, wovon ich das schönste Exemplar in der Sammlung des Canonico Spoto in Girgenti sah. In der Villa Albani zu Rom ist eine knieende priesterliche Figur über Lebensgrösse und in schwärzlichem Granit, die den Thebäischen Gott, zwischen zwei Göttinnen thornend, vor sich hält.

Das grosse Werk der Expedition giebt seine Bildung in mannigfaltigen Beziehungen. Zu Philae (Bd. I. Pl. 16. Fig. 1.) ist er thronend vorgestellt, der Kopf und das Nackte der Figur blau angestrichen (Taf. I. Fig. 8.). Dies erinnert an eine Stelle in Eusebius (Praep. Evang. 3, 12.), welcher sagt: dass Amun blau angemalt in der Insel Elephantina zu sehen war. Wahrscheinlich war dies die Statue in dem Tempel, dessen Ruine man noch sieht, und wo die Hauptreliefs auf Amun sich beziehen. Man sieht ihn zweimal stehend, einen Jüngling umarmend (B. I. Pl. 37. Fig. 2.) und dann thronend, denselben Jüngling wieder liebevoll umfangend (Taf. 1. Fig. 9), indem eine Göttin ihm die Stirnbinde umlegt. Ferner sieht man die Weihe des Jünglings durch beide Gottheiten, und dann ein Opfer an diese (B. I. Pl. 38. Fig. 1. u. 2.). In der Tempelruine zu Latopolis (B. I. Pl. 70) kommt die Figur des Gottes bald stehend, bald thronend auf Einer Wand nicht weniger als funfzehnmal vor. Eine dieser Vorstellungen zeiget die Tafel I. Fig. 10. mit einer Göttin, die einen Löwenkopf hat, hinter ihm stehend. In Fig. 11. geben wir den Kopf des Gottes im Grossen (B. I. Pl. 80. Fig. 11.).

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