Berlin den 27.ten Juny 1821.

In Folge der geehrtesten Aufforderung Sr. Excellenz des Königlichen Geheimen Staats Ministers Herrn Freyherrn von Altenstein, uns zu erklären, ob in dem Falle, daß Herr Eduard Solly das ihm gemachte Anerbieten eines Preises von 300,000 rthlr für eine Auswahl von 200 Gemälden aus seiner hiesigen Samlung gänzlich ablehnen sollte, die Absicht des Ankaufes dieser Gemälde für immer aufzugeben, oder eine anderweite Uebereinkunft mit dem Herrn p Solly über diesen Gegenstand vorzuschlagen seyn wird, erklären wir hierdurch nach reiflichster Erwägung Folgendes:

Die von uns vorläufig bezeichnete Auswahl von 200 Gemälden, haben wir zu dem Preise von 300,000 reichstaler gewürdiget, indem wir dabey die Erfahrungen zum Grunde legten, welche die uns bekannten Ankäufe einzelner Gemälde in den letzten Jahren ergeben haben, und wenn wir gleich nicht erkennen, daß H. Solly anderweit bey diesem Geschäfte bedeutende Verluste bereits erlitten hat und noch ferner riskirt, für welche derselbe durch vorstehenden Preis nicht entschädiget wird, so sind wir doch vollkommen überzeugt, durch diesen Preis den Werth, welchen derselbe für die ausgewählten Gemälde nach seinen dafür stattgefundenen Ausgaben | 2 berechnen kann, reichlich gedekt zu haben. Insofern daher von einer Taxe dieser Gemälde die Rede ist, welche auf sicheren Erfahrungen beruhen und deren Angemeßenheit im Einzelnen dargethan werden soll, vermögen wir den Werth jener Auswahl von Gemälden nicht höher wie geschehen anzugeben.

Wir wißen aber sehr wohl, daß jeder Ankauf solcher Art auf mannichfachen Verhältnißen beruhet, welche im höchsten Grade schwankend sind, und daß jede Schätzung zu solchem Preise schon um deshalb precär ist, weil es hauptsächlich darauf ankommt, ob die Besitzer die Gemälde für die geschäzten Preise zu verkaufen genöthigt sind oder nicht, und ob das Bedürfniß der Kunst-Anstalten auf andere Weise eben so vollkommen erfüllt werden kann oder nicht; wobey wir ins besondere die wichtige Rücksicht anerkennen, welche auf solche Kunstwerke zu nehmen ist, die in ihrer Art als einzige Exemplare anzusehen und für keinen Preis anderweit zu haben sind, dergleichen in der Sammlung des Herrn p Solly vornemlich die Gemälde von Johann von Eyck, Raphael, Fra Bartolomeo, Francesco Francia p genannt werden müßen.

Ist daher die Frage, ob es rathsam sey, den Ankauf dieser Gemälde wegen einer Differenz des geforderten Preises gegen unsere obige Schätzung von | 3 50,000 reichstaler und selbst darüber, wenn es nicht anders seyn kann, abzulehnen, so sind wir keinesweges dieser Meinung, glauben uns vielmehr nach Pflicht und Gewißen hierdurch ausdrüklich dagegen verwahren zu müßen und wünschen recht sehr, daß es möglich sey, dieses Opfer zum Besten des hiesigen Kunst-Studiums zu bringen, indem wir uns gänzlich überzeugt halten, daß selbst mit größern Opfern in einer Reihe von Jahren keine Erwerbung gemacht werden kann, welche das diesfällige große Bedürfniß der Königlichen Kunst-Sammlungen zu erfüllen geeignet und von gleichem Werthe für selbige wäre.

Um daher den unausbleiblichen schweren Vorwurf von uns abzuhalten, welchen die Abbrechung dieses Geschäftes wegen der Differenz einer Summe, über welche verhältnißmäßig keine Taxe von Kunstwerken jemals mit Sicherheit entscheiden kann, auf uns ziehen würde, und zu verhüten, daß wegen unserer obigen Schätzung die hiesigen Kunst-Anstalten nicht einer so überaus werthen Bereicherung beraubt werden, und da nach unserer Ueberzeugung die Ehre des Staates nicht erlaubt, den Erfolg der mehrjährigen Verhandlungen über diesen Gegenstand wegen einer solchen Differenz aufzugeben, nehmen wir keinen Anstand hierdurch zu erklären, daß, wenn selbst Herr Eduard Solly von dem geforderten Preise der 400,000 reichstaler für die bezeichnete Auswahl durchaus nicht sollte abgehen wollen, ihm solcher unter der Bedingung zuzugestehen seyn dürfte, daß er die Auswahl der 200 Gemälde auch auf die bereits nach London abgesendeten | 4 Gemälde miterstrecken läßt, so daß wenigstens 15 der vorzüglichsten Gemälde derselben von Meistern, welche in der hiesigen Sammlung theils gänzlich fehlen, theils in weniger werthen Exemplaren, die dem Herrn p Solly dagegen zurück gegeben werden könnten, vorhanden sind und namentlich die in der Anlage verzeichneten 12 Stücke, darunter mit begriffen wären, und tragen wir bey Sr Excellenz hierdurch ehrerbietigst darauf an, den Abschluß des Geschäftes mit Herrn Solly wenigstens gegen diese Bedingungen, wenn es nicht anders möglich ist, zur Allerhöchsten Genehmigung vorzulegen.

Berlin den 27ten Juny 1821.

[gez.] Schultz [gez.] Hirt | 5

Anlage:

Verzeichniß / der / vorläufig aus den bereits nach London abgesendeten / Gemälden des Herrn Eduard Solly für das Königliche / Museum ausgewählten 12 Stücke.

1) Lorenzo Costa, ............................................................. Praesentation im Tempel 2) Cima da Conegliano, .................................................. Madonna in trono 3) Francesco Sacchi, ........................................................ Christus am Kreuze 4) Benozzo Gozzolo, [!]................................................... Maria mit vielen Anbetenden 5) Sandro Botticelli, ......................................................... Madonna in trono 6) Francesco Francia, ...................................................... Christo morto 7) Antonello di Messina, ................................................ Madonna mit dem Kinde 8) Squarcione, ................................................................... Madonna, 9) Ridolfo Ghirlandajo, ................................................... Himmelfahrt der Maria 10) Vincenzo Foppa, ........................................................ Grablegung 11) Boltraffio, .................................................................... Die heilige Barbara. 12) Borgognone, ................................................................ Madonna in trono.

Berlin den 27ten Juny 1821.