Hochgeborner Graf, hochgebietender Herr Staatsminister! Ew. Excellenz geben mir den Wunsch seiner Mayestat zu erkennen: mein Gutachten über den von dem Herrn Schlätzer gemachten Entwurf zum Neubau der hiesigen Friedrichswerderischen Kirche zu vernehmen.

Pflichtgetreu erfülle ich hiemit meinen Auftrag, doch nicht ohne eine Art von Mißgefühl; - denn ich spreche gern Löbliches von den Arbeiten eines Künstlers; aber hier verbiethet es theils die Wichtigkeit der Sache, theils das auffallend Unzweckmäßige in der Anlage, theils der vielfältige Verstoß gegen die Gesetze guter Architektur.

Indeßen bin ich mit dem Entwerfer einverstanden, daß es am gerathensten seyn möchte, beide mehr oder weniger baufällige Kirchen abzubrechen, und an ihre Stelle einen neuen Bau zu setzen. Auch scheint es paßend zu seyn, den nicht ferner zu bebauenden Raum zu dem dortigen Markte zu nehmen, und gegen diesen Platz die Hauptansicht des neuen Baues zu wenden.

Der gegebene Raum für die Kirche ist indeßen nicht vortheilhaft, theils weil er von einer Seite nur an eine schmale Gaße stößt, und zwar an sich sehr lang, aber nur von geringer Breite ist.

Diese nicht große Breite des Bauplatzes bedingt gewißer Maßen die Anlage der neuen Kirche. man kann hierwegen nicht daran denken, dem Innern der Kirche drey Schiffe zu geben, sondern man muß die ganze Breite zum Kirchensaale laßen, wenn nur einiger Maßen ein gutes Verhältnis in Lange und Breite zu | 2 einander entstehen soll; und noch mehr gebietet dieses der Zweck, daß der gemächliche Raum für die Gemeinden nicht fehle.

Hiernach scheint mir in dem Projekt ganz zweckwidrig, das Innere der Kirche mit den weit vortretenden Säulen zu verstellen, wodurch das mittlere Schiff nur die geringe Breite von 27 Fuß erhielte, und dies zu einer Länge von 126 Fuß, was ganz darmartig aussehen würde.

Und wozu sollten diese den Raum verstellenden Säulen dienen? - Antwort: zu keinem anderen Zwecke, als darüber die große Bogen, fast eben so hoch als die Säulen selbst, aufzuthürmen, und dazwischen die Rundgewölbe des mittlern Schiffes einzuspannen. Alle diese Säulen, Bogen und Gewölbe sind aber für den Bau ganz unnütz, denn deßen ungeachtet müßte das Hängewerk darüber angebracht werden.

Aber was den innern Bau verstellt, und die schönen Verhältniße des Saales zerstört, ist auch in Beziehung des architektonischen nicht schön. Es fehlt all diesen Theilen gutes Verhältnis. Gegen alle Gesetze stehen hier die Säulen auf Würfeln; die Säulen selbst sind ohne gefällige Verjüngung, das Kranzgesimse ist schlecht gegliedert, die Bogen sind unverhältnißmäßig hoch; die Kassetten.
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Caissons
darin sind weit zu groß und fehlerhaft gezeichnet, und ähnliche Unzierden zeigen die sich folgenden Rundgewölbe und Gurte. Zu hoch und zu unpaßend sind die Bogenfenster; sie würden nur eine spärliche Kellererleuchtung geben.

Das Projekt scheint von einer schlecht gebauten Catholischen Kirche entnommen zu seyn, wobey zwar die Vertiefungen zwischen den Säulen den Zweck haben, allda nach catholischem Kirchengebrauch Nebenaltäre aufzustellen; was natürlich bey Evangelischen Kirchen wegfällt. | 3 Man nehme aber in dem Projekte alle Würfel, Säulen, Bogen und Gewölbe hinweg, so wird das Innere des Saales gehörig zu dem Zwecke dastehen. Man geben den Mauern die erforderliche Stärke, doch ohne innere Vorspringe, lege darüber das Hängewerk, verkleide es, und gebe der Unteransicht die gehörig schöne Auszierung; so steht das Wesen des Kirchensaals da. Die Seitenwände müßen glatt seyn, bloß mit einem Gurte in dem zweyten Drittel der Höhe, und oben unter der Decke mit einem mäßig verzierten Gebälke. Dies Glatte und Einfache der Wände befördert das gute Hören, und daß die Stimme des Predigers sich deutlich und angenehm verbreitet. Will man aber die Wände schön und geziemend auszieren; so theile man sie in schickliche Felder ein, und bringe darauf biblische Gegenstände in Mahlerey an. Nichts zieret mehr, und nichts erhöht die Würde eines Kirchensaales mehr. So verfährt die wahre Kunst. Über der Gürtung werden die gehörig hohen Fenster angebracht, wodurch das Innere, freundlich und angenehm erleuchtet wird. Der Saal würde demnach bey einer Länge von ungefähr 120 Fuß eine Breite von etwa 50 Fuß und eine Höhe von etwa 45 Fuß erhalten, und so in Am Rand von anderer Hand: "Warum nicht in einem ganz schönen Verhältniß, das hätte man wohl für einerlei Kosten? G.".
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erträglich
schönen Verhältnißen dastehen.

Der Altar würde den Ort einnehmen, wie ihn der Entwerfer stellte, und zweckmäßig würde auch die Kanzel hinter und über dem Altar errichtet Am Rand von obiger Hand: "Se Maiestät der König haben eine solche Stellung der Kanzel nur noch neuerlich bei der Kirche zu Massow als zweckwiedrig gerügt. G."
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seyn;
und auf gleiche Weise paßend würden sich an beiden Seiten die Räume für den Hof, und den Magistrat ausnehmen; doch würde nicht nöthig seyn, diese geschloßnen Räume hoch über Säulen aufzustellen, welches indeßen auch geschehen könnte, ohne dadurch den Saal zu entstellen. - Würde man aber die Kanzel nicht auf die | 4 gedachte Weise stellen wollen; so wäre der einzige schickliche Ort für dieselbe, sie in der Mitte der langen Seitenwand anzubringen, wo sie in einem langen Raume fast noch beßer stehen würde.

Ich habe durch diese Andeutungen mehr gesagt, als in dem verlangten Gutachten liegt. Allein es ist schwer, die Gründe deßen, was nicht gefällt, gehörig zu motiviren, wenn man nicht zugleich auf das Rechte hinweiset.

Gegen die Säulenhalle am Eingange habe ich keine Einwendung, und glaube vielmehr, daß die Würde eines heiligen Baues dadurch gewinnen würde. Auch sind die beiden Giebel übereinander nicht fehlerhaft, denn sie entstehen im Baue natürlich. Nur würde ich mir nicht erlauben, am Corinthischen Kranzgesimse von den Kragsteinen und den Zahnschnitten zugleich Gebrauch zu machen. Überhaupt bin ich in einem gebrechlichen Sandstein, und in unserm Clima nicht für die Corinthische Ordnung im Äußern. Die Arbeit fällt in einem solchen Steine nicht nur schlecht aus, sondern die zierlichen Blätter und anderes Schnitzwerk verwittert nur gar zu bald. Das Dorische und Ionische paßt beßer für unser Material und unsern Himmelstrich. Zu bemerken ist noch: daß die Inschrift an einer Stelle gezeichnet ist, wo man sie nicht würde lesen können; sie gehört auf den Fries der Säulenhalle. auch ist die Inschrift nicht gut abgefaßt.

Nach der Säulenhalle tritt man durch die Hauptthüre in das Vorhaus, worüber das Chor mit der Orgel sich befindet. Dies Vorhaus finde ich zweckmäßig. Aber es muß nicht niedrig, finster und drückend lasten, wie die Zeichnung es giebt, sondern es muß wenigstens die Höhe der äußern Halle haben, und | 5 das Chor auf Halbsäulen ruhen mit drey Eingängen nach dem Saale. Die krummlaufenden Treppen nach dem Chor rechts und links finde ich auch nicht gut. Warum nicht bequeme rechtwinklige Treppen mit ihren Absätzen? - Noch verwerflicher sind die Treppen an der entgegengesezten Seite nach den Loschenräumen. Denn Treppen, die wie diese zuerst ansteigen, und dann sich plötzlich winden, sind wahre Falltreppen, welche sich der wahre Architekt nie zu machen erlauben wird.

In Rücksicht der äußern Seitenansicht habe ich nur zu erinnern, daß so fern auseinander gestellte Pilaster dem Ganzen ein sehr mageres Ansehen geben. Man muß sie entwder ganz weglaßen, oder näher stellen. Über die hohen halbzirkligen Fenster ist schon gesprochen.

Noch bleibt der Bau an der Hinterseite zu betrachten übrig.

Es sind über dem Dach allda zwey Aufsätze für die Glocken gemacht. Man sollte aber eher glauben: es wären Belvedere oder Sternwarten über einem Privathause. - So lange der christliche Kirchengebauch das Glockengeläute erfordert, so müßen auch Thürme seyn, und zwar Thürme, wie es sich gehört. Damit will ich nicht sagen, daß man, wie zur Zeit des Mönchsthums, hohe spitze Pyramiden in die Luft aufthürmen solle, und das Gut eines Landes an einen solchen Thurm verschwendet werde, aber Thürme müßen sich sichtbar über die Umgegend erheben, damit das Geläute sich ausnehme und verbreite. Ein viereckiger Thurm von Grund aus in drey Stockwerken erbaut, ist hiezu das paßende: nämlich daß die beiden untern Stockwerke so hoch wie die Dachung der Kirche selbst gehn, und dann darüber das Glockenhaus, als | 6 das dritte Stockwerk aufgesezt werde. Allda ist auch die Schlaguhr anzubringen. Der Thurm würde die Mitte am Hinterbau einnehmen, und daneben würde einerseits die Sacristey, und anderseits die Taufcapelle anzulegen seyn; doch nicht von der Höhe der Kirche.

So ist meine Ansicht über vorliegendes Projekt. Fiel die Beurtheilung nicht günstiger aus, so ist nicht Ungunst, sondern die Sache daran schuld. Ich fühle am meisten Mißbehagen, wenn ich von einer Kunstarbeit so wenig Löbliches zu sagen weiß.

Nachdem ich so vieles gesprochen habe; so erlauben Ew. Excellenz, daß ich noch Einiges über die Baupraxis beyfüge, wozu mir der beygefügte Bauanschlag Veranlaßung giebt.

Erstlich glaube ich: daß solche Anschläge noch viel genauer seyn müßten.

Zweytens bin ich der Meinung, daß der Staat nicht selbst bauen müßte. Viel vortheilhafter würde das Verdingen der Baue an einen einzigen Unternehmer, oder was dasselbe ist, an eine Gesellschaft von Unternehmern seyn, wo aber einer für alle, und alle für einen stehen müßten. In solchem Falle würden die genauesten Zeichnungen, wie der Bau werden sollte, vorgelegt, und der Bau an den mindest Bietenden verdungen, und zwar bis auf den letzten Nagel. Die Zeiträume, in denen die Theile des Baues geführt werden müßten, würden bestimmt, und dann immer von Geschwornen untersucht, wo dann erst nach dem richtigbefinden die stipulirte Terminalzahlung für das Gemachte erfolgte.

Unter den Geschwornen dürften nicht immer dieselben seyn, und der Baumeister, der die Risse machte, dürfte nur in Ausnahmefällen dazu gehören. | 7 Auf diesem Wege wäre der Staat gesichert, daß der Bau nicht mehr kostete, als die Bedingung besagte, und daß derselbe, in dem bedungenen Material, und in der besten Arbeit nach bestimmten Fristen fortschreitend, gehörig geführt, und zu einer bestimmten Zeit vollendet dastünde.

Was den gegenwärtigen Bau betrifft, so nimmt man leicht wahr, daß, wenn man verwirft, was unnütz und zweckwidrig ist, man leicht die Hälfte der Anschlagsgelder sparen würde. - Doch sey dies nur im Allgemeinen bemerkt. Ein näheres Detail erlaube ich mir nicht, da ich keinen Anspruch habe, mir eine Stimme über das Oekonomische und Praktische der Bauführung zuzutrauen.

Berlin den 5 Januar 1821.

Hirt.