Hochzuverehrender Herr,

Ich gebe mir die Ehre, die mir vorgelegten Fragen über die Kunst in Holz zu schneiden hiermit zu beantworten. Zwar werde ich sie nicht in die Ihrem geäusserten Wunsche gemäßen Kürze fassen können, indes schmeichle ich mir, Sie werden finden, daß es nicht gut möglich war, wenn von den Nutzen und der Ausübung dieser Kunst die Rede sein soll, weniger zu sagen.

Indes ich die Ehre hatte, von der Königlichen Akademie der Künste zum Mitgliede des Senats im Fach der Formschneidekunst gewählt zu werden, wurde diese Sache öfter, so wohl bei Sr Excellenz des Hrn. Curators als auch bei mehrern Herren Mitglieder in Anregung gebracht; sie wurde einstimmig als nützlich u vielfach unentbehrlich anerkannt; nur war eben dazu mahl kein In lateinischer SchriftFond zu einem Gehalt für mich auszumitteln, um mich zur Mitwirkung bei der Königlichen Akademie anzuhalten. Ich meiner Seits wollt nicht unbescheiden zudringlich durch Erbittung eines Gehalts werden, weil mein Unterhalt durch andere Nahrungszweige gesichert ist.

Diese kurze Einleitung schikke ich zur Beantwortung Ihrer zweiten u dritten Frage voraus; aus derselben erhellet, daß ich keine Schüler, folglich keinen Bericht darüber abzustatten habe.

Infolge Ihrer mir gegebenen Erlaubniß, Vorschläge in Hinsicht des Studiums der Kunst zu thun, werde ich die Ehre haben die erste u vierte Frage ausführlich zu beantworten.

Das Formschneiden setzt Zeichenkunde voraus. Je weiter ein Schüler in diese gekommen ist, je leichter u angenehmer wird ihn die Erlernung des Holzschneidens. Es ergiebt sich aber aus der ältesten Geschichte dieser Kunst, daß die besten Meister eben keine sehr geschikte Zeichner waren, und daß eben die berühmtesten sich von guten Zeichnern Vorstellungen auf Holz zeichnen ließen. Unter Albrecht Dürer, Lukas Cranach, Virgilius Solis u.s.w. hatte diese Kunst den höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit erreicht, u es sind in jezigen Zeitalter keine solche Meisterwerke mehr aufzuweisen, als im 16ten u 17. Jahrhundert so unendlich viele zum Vorschein kamen. Die Ursach der Seltenheit, wo nicht gar Unmöglichkeit, das Formschneiden mit der Zeichenkunst in gleicher Vollkommenheit miteinander zu verbinden, liegt vielleicht in folgendem:

Die Zeichnung auf Holz, die sich zum Holzschnitt qualificiren soll, muß mit großer Stettigkeit(?) und Bestimmtheit höchst sorgfältig aufgetragen werden. Für den Zeichner ist dies eine angenehm unterhaltende Beschäftigung. Wenn aber der nämliche Zeichner dieselbe Vorstellung noch einmahl durcharbeiten soll, dadurch, daß er sie nun in Holz schneidet, ermüdet er bei der zweifachen Arbeit; seine Aufmerksamkeit wird abgestumpft; er arbeitet mit Ueberdruß, weil er nun eine noch angestrengtere Sorgfalt auf einen Gegenstand anwenden soll, den er schon im genausten Detail beim Zeichnen durchgegangen ist. Ganz anders verhält es sich | 2 mit einen gut gelernten Formschneider. Er bekömmt die Zeichnung auf Holz, u ist begierig nun auch seiner Seits zur Vollendung der schönen Vorstellung mitzuwirken. Er arbeitet ohne Ueberdruß. So können durch den Beitritt vollendeter Zeichner die schönsten Werke der Kunst in Holz zu schneiden, hervorgebracht werden.

Sollten Schüler in dieser Kunst Unterricht erhalten, so ist es nothwendig, sie so jung als möglich dazu einzuführen. Diese müssen indes in Absicht des Zeichnens schon nicht mehr zu den ganz ungeübten gehören. Nur die einer Aufsicht untergeordneten Jugend vermag die so oft vergeblichen Versuche auszudauern; denn es gehen wohl einige Jahre darüber verlohren, ehe der Blik geschärft genug ist, die Hand Festigkeit gewinnt, u die Arbeiten im Abdruk erträglich aussehen. Darum hat die Kupferstecherkunst so viel mehr Anhänger, deren Arbeiten weit schneller zu einen mittelmäßigen Ansehen beim Abdruck gedeihen als der Holzschnitt.

Ist der Schüler erst so weit, daß er die auf Holz gebrachte Zeichnung genau u ohne Ausspringen der Striche verfertigen kann, so macht man ihn alsdann auf den Effect im Abdruk aufmerksam. Er muß Imagination genug haben, sich den zu vollendenden Holzschnitt abgedrukt vorzustellen, u des Zeichners Arbeit kraftvoller u verschönerter darzustellen, sonst wird seine Arbeit kalt und steif, u ihr entgeht der Karakter des Holzschnitts - Energie. Wo der Zeichner zu schwache oder zu starke Striche angebracht hat, die vielleicht als Zeichnung Wirkung genug machen, muß der Formschneider beurtheilen können, ob diese in seine Kunst übertragen, eben so wirken, und so muß er stärkere oder schwächere Haltung geben, je nachdem es der Effect seiner Kunst es erfordert.

Ich würde zu weitläuftig werden, wenn ich alle Erfodernisse, die den Formschneider bilden, hier auseinander setzen wollte. Den Schüler aber nicht durch die Mühsamkeit der Arbeit auf den ersten Ueberblik abzuschrekken, könnte der Unterricht in dieser Kunst in drei Klassen abgetheilt werden:
1) In der Kattunformschneiderei
2) In Schrift- u Landcharten-Schneiderei
3) In Darstellung historischer Gegenständen und Vignetten

Die erste Klasse könnte zuerst vorgenommen werden. Die jetzige Art Cattunformen zu schneiden, ist sehr mangelhaft. Die Instrumente und die ganze Manier, deren sich die Kattunformschneider bedienen, ist mancher Verbesserung fähig. Sie können nichts feines damit arbeiten. Wenn diese Leute Unterricht xxxxx(?) wollten, u sie bekämen alsdann geschmackvollere Musterzeichnungen, so könnten dadurch die schönsten Zietze u kattun verfertigt werden, u besser noch als solche die Engländer liefern. | 3

Die zweite Klasse kann noch von ausgebreitetern Nutzen sein.

Ich habe vor einigen Jahren einen Versuch mit einer kleinen Landcharte gemacht, um darzuthun, daß es möglich sei, eben so gute, u in der Folge noch bessere Landcharten in Holz zu schneiden, als die Nürnberger solche gewöhnlich in Kupfer stich geben. In der diesem Versuche beigefügten kleinen Abhandlung habe ich gezeigt, daß man eben so große Karten als die Homannische machen könne; u daß zur Beschleunigung dieser Arbeit mehrere geübte Künstler an einer Platte arbeiten können.

Hat ein Schüler gar kein Talent zum Zeichnen, u so wenig Vorstellungsvermögen, den edlern Theil der Kunst aufzufassen, so kann ihr Unterricht dennoch mit Nutzen auf das Schriftschneiden eingeschränkt bleiben. Sollten aber die Zöglinge dieser Kunst wenn sie selbige bis zu einer gewissen Höhe gebracht hätten, von der Königlichen Akademie selbst nicht benutzt werden können? - Wie wenn die Akademie eine Landchartenfabrik etablirte, so ließen sich daraus für die Folge sehr bedeutende Einkünfte erwarten, ohne daß es dem Staate irgend einen Kostenaufwand verursachte. Ist eine Landcharte in Holz vollendet so kann sie 3, bis 400,000 Abdrukke aushalten, dagegen eine in Kupfer gestochene nur(?) 6 bis 7000 aushält. Auch kann ein Holzschnitt viel wohlfeiler u geschwinder in eine gewöhnliche Buchdrukkerpresse gedrukt werden. Wie wohlfeil und gemeinnützig können diese Karten dadurch gemacht werden, u was für ein Fond für die Zukunft läßt sich daraus für die Akademie berechnen.

Für die dritte Klasse werden allerdings die talentvollsten u gesittesten Schüler gewählt. Gewährt ihnen die Kunst, auf welcher sie die schönsten Jahre ihres Lebens verwendet haben, nicht zureichenden Unterhalt, so würde die Akademie selbst diese Künstler versorgen können, ohne den Staat damit beschwerlich zu fallen. Die Königliche Akademie darf nur ihr Privilegium, welches derselben vom verstorbnen König ertheilt worden, wieder an sich nehmen; sie setze eine ansehnliche Prämie für den Schulmann aus, der die beste Kinderfibel schreibt, u die zweckmäßigsten Vorstellungen dazu vorschlägt; ferner eine Naturgeschichte für Schüler, worin vorzüglich gut gezeichnete und in Holz geschnittene Vorstellungen von allen Thieren, Insekten, Pflanzen, u.s.w. abgebildet werden. Eine Technologie, worin alle Handwerke u deren Werkzeuge auf das richtigste vorgestellt würden. Ein Orbis piktus, u mehrere für den Augenblik nicht herzurechnende Dinge könnten ausgeführt werden, welche die Akademie auf ihre Kosten drukken ließe, u in ihren Buchhandel verlegte. Zu diesem Entzweck könnten nun die geschiktesten Eleven der Holzschneidekunst lebenslang erhalten werden. | 4

Zu diesem Verlag bedarf es keines ausschließenden Privilegiums des Königs. Diese Bücher werden sich durch die Vorzüglichkeit der Arbeit und der Zweckmäsigkeit des Inhalts; kurz durch ihre Unnachahmlichkeit u Wohlfeilheit ihr Recht selbst erhalten; so wären der Akademie große dauernde Vortheile gesichert u ein Fond, der sich nach Maasgabe der Industrie immer ansehnlich vermehren würde.

Hierzu kommt noch der gar nicht zu berechnende große Nutzen, den die Akademie durch Unternehmung solcher Werke für die Menschheit stiftet; daß nähmlich die Kinder von dem zartesten Alter an eine richtige Vorstellung aller Dinge bekommen, u daß ihr Blik früh an einen richtigen Geschmack gewöhnt werde.

Berlin den 9. März 1798

JFUnger