1Das Editionsprojekt besteht aus zwei Teilen: aus der Privatkorrespondenz Hirts sowie aus dessen Amtlichen Schriften. Beide Teile ergänzen einander und sind durch die Register verbunden.

2Es werden sowohl eine Digitale Edition als auch eine Printedition der Hirt-Texte erarbeitet. Der aktuelle Stand der Arbeit wird bereits vor Drucklegung als work in progress präsentiert. Diese Art der Darstellung weist naturgemäß noch Defizite auf, doch erlaubt sie andererseits eine stetige Ergänzung und Überarbeitung. Deshalb bittet die Bearbeiterin die Nutzer der Website freundlichst um hilfreiche Unterstützung und wäre für sachdienliche Hinweise außerordentlich dankbar. Dies betrifft vor allem Hinweise auf mögliche neue Briefe und amtliche Dokumente, aber auch Ergänzungen zur Kommentierung.

3Die Edition dient in gleicher Weise der Quellenerschließung wie der kunst- und kulturhistorischen sowie wissenschaftsgeschichtlichen Grundlagenforschung und versteht sich als Beitrag zur Wiederentdeckung und Neubewertung eines einflussreichen Kunstexperten und Kulturpolitikers, eines Pioniers der Architekturgeschichte und Archäologie sowie des Initiators und Organisators des ersten öffentlich zugänglichen königlich-preußischen Kunstmuseums. Briefe und amtliche Dokumente illustrieren sowohl wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge vor der institutionellen Ausdifferenzierung der Wissenschaften als auch Berliner Akademiegeschichte und deutsch-französische Kulturgeschichte während der Napoleonischen Besetzung. Die Texte geben Einblick in die Wissensströme und die Gelehrtendiskurse der Zeit und haben einen hohen Quellenwert für die Erforschung der Umbruchzeit um 1800.

4 Zum Projekt

5A. Die Edition der Briefe

6Der die verschiedensten Themenfelder reflektierende Gesamtbriefwechsel lässt vier Schwerpunktthemen erkennen:

71. Hirt als Cicerone in Rom und Kunstberater des preußischen Hofes

8Hirt wurde ab Ende der 1790er Jahre in Berlin wichtigster Kunstberater des preußischen Königshauses und Ordentliches Mitglied beider Akademien. Seine einzigartige Karriere in Berlin war durch seine immensen Kenntnisse der antiken Denkmäler, die sich der Autodidakt in Rom angeeignet und als fachkundiger Cicerone vielen namhaften Italien-Reisenden vermittelt hatte, vorbereitet worden. Dort war er u.a. mit Goethe, Karl Philipp Moritz, Johann Gottfried Herder und den Bildhauern Alexander Trippel und Johann Gottfried Schadow bekannt geworden und hatte sich als Kunst-Führer und Lehrer der Herzoginnen Louise von Anhalt-Dessau und Anna-Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach, der Gräfin Lichtenau, des englischen Prinzen Augustus Frederick Prince of Wales und des Grafen Ernst Friedrich Herbert zu Münster aus Hannover einen Namen gemacht, die ihn in der Folgezeit in vielerlei Hinsicht unterstützten. War es zu dieser Zeit ein Privileg eines kleineren Kreises, die antiken Stätten für kurze Zeit selbst in Augenschein nehmen zu können, so war Hirt gegenüber den meisten Italien-Reisenden im Vorteil, da er viele Jahre lang die Kunstwerke immer wieder neu studieren und seine Kenntnisse in der fachlichen Diskussion mit seinen Begleitern modifizieren konnte. Dieser Gedankenaustausch hielt auch nach seinem Weggang aus Rom in Briefform an. Mit der Gräfin Lichtenau, der kunstsinnigen Mätresse Friedrich Wilhelms II., die nach Vorschlägen Hirts Kunstwerke für den Berliner Hof angekauft hatte, unterhielt er in den 1790er Jahren eine regelrechte Arbeitsbeziehung. Zusammen verfolgten sie sogar den Plan einer Studienreise nach Ägypten, die jedoch durch den Tod des Königs und den gegen die Lichtenau angestrengten Prozess nicht realisiert werden konnte. Mit Karl Philipp Moritz gründete Hirt die in Berlin erscheinende Zeitschrift Italien und Deutschland in Rücksicht auf Sitten, Gebräuche, Litteratur und Kunst, für die er kunsthistorische und kunstkritische Beiträge lieferte. - Diesem Themenkreis sind die Korrespondenten Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach, Goethe, Herder, Louise von Anhalt-Dessau, Friedrich v. Matthisson und Georg Zoëga zuzuordnen. Von Rom aus ergibt sich eine Verbindungslinie nach Berlin, vor allem vertreten durch die Gräfin Lichtenau, die als Vertraute Friedrich Wilhelms II. in Rom weilte, durch Hirt eine kunsthistorische Ausbildung erhielt und in Berlin entsprechend wirksam wurde. Der preußische Hof ist vertreten durch die Könige Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III., weiterhin den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und den Prinzenerzieher Friedrich Delbrück.

92. Hirt als Mitglied beider Akademien in Berlin

10Kurz nach seinem Eintreffen in Berlin im September 1796 wurde Hirt am 29. Oktober 1796 Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste und am 3. November 1796 Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seine Mitgliedschaft in beiden Akademien und seine Stellung bei Hofe machten Hirt zu einem einflussreichen Mann in Berlin. Da es für „Kunstdinge“ innerhalb des Staatsapparates keine amtliche Zuständigkeit gab, konnten in Hofnähe verkehrende Personen wie Hirt entsprechende Ersatzpositionen einnehmen und in quasi institutionelle Funktionen vorrücken. Hirt brachte sich mit Engagement in die Akademiegeschäfte ein. In der Wissenschaftsakademie hielt er regelmäßig Vorträge und machte Vorschläge für die Aufnahme neuer Mitglieder. So wurde auf seine Anregung vom 15. Juli 1806 hin auch Goethe als auswärtiges Mitglied aufgenommen. Anlässlich der Übersendung des Diploms schrieb Hirt an Goethe: „Ihnen habe ich die erste Aufmunterung in den Studien, die von meinem Leben unzertrennlich sind und den ersten Ehrennahmen, der mich der Welt näher empfehlen sollte, zu verdanken. Sie haben der Welt gleichsam die erste Hofnung von mir gegeben.“[1] Ab 1807 war er mit der Ausarbeitung eines neuen Akademiereglements zur Umgestaltung der oftmals als „schläfrig“ empfundenen Akademie der Wissenschaften befasst. Ein ähnliches Aufgabenpensum hatte er in der Akademie der Künste zu erfüllen. Ab 1799 hielt Hirt Vorlesungen an der neu gegründeten Bauakademie zur Geschichte der Architektur; zu seinen Schülern gehörten Schinkel und Rauch.

11Hirt war ein scharfer Kritiker des französischen „Kunstraubs“. Dies betraf sowohl den Abtransport der Kunstwerke aus Rom nach Paris wie auch den Raub preußischer Kunstschätze nach 1806. Eine Bittschrift der Akademie der Wissenschaften an Napoleon, die den Kunstraub verhindern sollte, hatte allerdings keinen Erfolg. Im weiteren Verlauf ging es um die Verhandlungen mit den Franzosen, von den geraubten Antiken Gipsabgüsse zu erhalten, wobei Hirt eine zentrale Rolle spielte. Zusammen mit dem Oberaufseher über die königlichen Sammlungen, Jean Henry, war Hirt die Schätzung der geraubten Kunstwerke übertragen worden. Bei den Verhandlungen um die Auswahl der Kunstschätze, von denen Gipsabgüsse und Abdrucke gemacht werden sollten, bis zum Transport derselben nach Berlin befand sich Hirt wiederum an zentraler Stelle.

121812 wurde Hirt zum Auswärtigen Mitglied der Wiener Kunstakademie berufen, 1820 erhielt er die auswärtige Mitgliedschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

133. Hirt als Anreger und Organisator des ersten Berliner Kunstmuseums

141797 hatte Hirt in einer öffentlichen Sitzung der Kunstakademie zur Feier des Geburtstages von Friedrich Wilhelm II. den Vorschlag unterbreitet, ein Museum in Berlin zu errichten, in dem die königlichen Sammlungen zusammengefasst und öffentlich zugänglich gemacht werden sollten. Es war die konsequente Weiterführung seines Gutachtens, das ihm die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften eingebracht hatte. Die Realisierungsversuche dieses Museumskonzepts beschäftigten Hirt in den folgenden Jahrzehnten anhaltend. Als erstes mussten die verschiedenen königlichen Sammlungen gesichtet, gegebenenfalls restauriert und zusammengeführt werden. Die Gemäldesammlung (die Bildergalerien in Berlin und Potsdam) unterstand bereits seit 1787 der Akademie der Künste, alle anderen Sammlungen der Kunstkammer auf dem Schloss sowie die königliche Bibliothek wurden 1798 unter Aufsicht des Direktoriums der Akademie der Wissenschaften gestellt, mit der Aufforderung, eine Revision des Münzbestandes vorzunehmen. Das Direktorium der Akademie übertrug wiederum die Spezialaufsicht über einen Teilbereich – die Münz- und Medaillensammlung – gemeinschaftlich an Hirt und Johann Heinrich Ludwig Meierotto, hatte doch Hirt in Wien bei dem wohl berühmtesten Numismatiker seiner Zeit, Johann Joseph Hilarius Eckhel, studiert, nach dessen Richtlinien er dann auch das Berliner Münz- und Medaillenkabinett ordnete. 1798 und 1820 legte er eigene Museumsentwürfe vor. 1821 wurde Hirt Mitglied der Ankaufkommission für das neue Museum in Berlin. Das Museum sah er als eine Bildungseinrichtung zum Studium der Kunstwerke, als eine Ergänzung zur Ausbildung an der Kunstakademie. Für das dann 1824 bis 1830 nach Plänen von Schinkel erbaute erste Berliner Kunstmuseum war Hirt der eigentliche Anreger und maßgebende Organisator, wenngleich er in den 1820er Jahren von der jüngeren Generation um Karl Friedrich Schinkel und Gustav Friedrich Waagen (seinen ehemaligen Schülern) mit einem sowohl hinsichtlich der Zielsetzung als auch der architektonischen Form und der Anordnung der Kunstobjekte konkurrierenden Museumskonzept überstimmt wurde. An der Auseinandersetzung um das erste in Berlin gebaute Museum lässt sich nachvollziehen, wie sich um 1800 eine veränderte Kunstanschauung durchsetzte, die Hirt fremd blieb (vgl. Elsa van Wezel).[2] Für Schinkel sollte das Museum keine reine akademische Ausbildungsstätte für Künstler mehr sein (wie von Hirt gefordert), sondern ein „Tempel der Kunst“, ein Ort des Genusses, durch den die Menschen gebildet und verbessert werden.

154. Hirt als Wissenschaftskommunikator und Pionier der Architekturgeschichte und Ägyptologie

16Hirt war im wahrsten Sinne des Wortes ein Wissenschaftskommunikator und –popularisator und – modern formuliert – ein „Netzwerker“. Nur ein Teil seiner wissenschaftlichen Korrespondenz ist überliefert. Innerhalb der Gesamtkorrespondenz stellen Hirts Briefe an Karl August Böttiger den größten Einzelbriefwechsel dar (die Gegenbriefe sind nicht überliefert). Es ist heute kaum noch bekannt, dass Hirt wie auch Karl August Böttiger Mitbegründer der modernen Archäologie waren und den Zeitgenossen als Autoritäten für das Studium der Klassischen Antike galten. Beide pflegten ein über 30 Jahre währendes wissenschaftliches Gespräch. Beschränkte sich die archäologische Forschung der Zeit weitgehend auf Griechenland und Rom, so erweiterte Hirt, damit in der Tradition Winckelmanns stehend, den Untersuchungsgegenstand auf Ägypten. Seine Vorträge ab 1810 widmeten sich der ägyptischen Baukunst, von den Pyramiden bis zum Wasserbau. Er war der festen Überzeugung, „daß man nur durch Aegypten in die Meinungen und Culturgeschichte anderer Volker eindringen kann“.[3] Durch seine Forschungen zur ägyptischen Baukunst, die mit einer Kritik an dem herrschenden, die Griechen monopolisierenden Klassizismus einhergingen, wurde Hirt zu einem der Wegbereiter der Ägyptologie als Wissenschaft. Ebenso befasste er sich mit der Archäologie der „nordischen Altertümer“.

17Die Architekturgeschichte wurde zu Hirts zentralem Anliegen. Sein Wirken markiert den Beginn der Berliner akademischen Bauforschung. 1805-16 erschien das Bilderbuch für Mythologie, Archäologie und Kunst, 1809 das Lehrbuch Die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten, 1821-27 das 3bändige Überblickswerk Die Geschichte der Baukunst bei den Alten und 1833 schließlich Die Geschichte der bildenden Künste bei den Alten. „Mit seiner enzyklopädischen, systematischen und zugleich den jeweiligen historischen Kontext in großer Breite berücksichtigenden Darstellung der antiken Kunst“, so Adolf H. Borbein, habe Hirt „einen Typus von Kunstgeschichtsschreibung erstmals verwirklicht, der für das 19. Jh. und bis zum Ersten Weltkrieg verbindlich blieb“.[4] Die Neue Deutsche Biographie sieht entsprechend in Hirt einen „Vorläufer F. Kuglers“[5]. Einen Schwerpunkt der Briefe stellt die kunsthistorische Analyse und Einordnung zahlreicher antiker und zeitgenössischer Kunstobjekte dar, wobei verschiedene wissenschaftliche und ästhetische Ansichten gegenübergestellt werden, was Aussagen zum zeitgenössischen Kunstgeschmack und zur Entwicklung eines Kunstkanons ermöglicht. Hirt veröffentlichte nicht nur zahllose Bücher und Aufsätze zu diesen Themen (u.a. in Wielands Teutschem Merkur, in Schillers Horen, in der Eunomia, in Böttigers Amalthea, im Freimüthigen, in der Sammlung nützlicher Aufsätze und Nachrichten, die Architektur betreffend oder als Rezensent in den von Hegel begründeten Jahrbüchern für Kritik), sondern hielt ebenso viele Vorträge in den Akademien, in verschiedenen Vereinen und an der Berliner Universität. Die Diskussionen um seine wissenschaftlichen Thesen und Untersuchungen spiegeln sich in seiner weitläufigen Gelehrtenkommunikation wider und lassen Wissenschaftsgeschichte im 1. Drittel des 19. Jahrhunderts nacherleben. Die Diskussionen um seine wissenschaftlichen Thesen und Untersuchungen spiegeln sich in seiner weitläufigen Gelehrtenkommunikation wider und lassen Wissenschaftsgeschichte im 1. Drittel des 19. Jahrhunderts nacherleben. - Die autonome Positionierung seiner Kunstanschauung und sein „Stolz, in Kunstsachen infallibel seyn zu wollen“, wie sein Freund, der Verleger Johann Daniel Sander urteilte (Sander an Böttiger, 9. Sept. 1805), brachte ihm auch vielfach Kritik ein, u. a. von Fernow, Herder, Goethe, Levezow und den Brüdern Schlegel. - Diesem Schwerpunkt sind Gelehrte, Altertumsforscher, Philologen, im weitesten Sinne Hirts „Kollegen“ in Berlin und ganz Deutschland zuzurechnen: Karl August Böttiger in Dresden; der Altertumsforscher und Schriftsteller Joseph v. Laßberg, der u.a. eine einzigartige Sammlung mittelalterlicher Handschriften besaß; der Sprachwissenschaftler und Archäologe Friedrich Wilhelm Thiersch, ab 1814 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Sekretär der philologisch-historischen Klasse, der (ähnlich wie Hirt in Berlin) mit der Rückführung der von Napoleon geraubten bayerischen Kunstschätze betraut war; der klassische Philologe und Archäologe Friedrich Gottlieb Welcker; der preußische Offizier und Archäologie-Dilettant Johann Heinrich Menu v. Minutoli, der 1820 eine Orientreise unternahm und im königlichen Auftrag Kunstankäufe tätigte, die später den Grundstock für das Ägyptische Museum in Berlin bildeten; der Gymnasialdirektor und Universitätsprofessor für orientalische Sprachen Johann Joachim Bellermann; der Schweizer Prediger, Philosoph und Verfasser der Physiognomischen Fragmente Johann Kaspar Lavater; der wohlhabende Gelehrte und Dichter Johann Isaak v. Gerning in Frankfurt a. M., der sich am Königshof in Neapel aufgehalten hatte und große Sammlungsbestände, u.a. eine Münz- und eine Antikensammlung, besaß; der Mitarbeiter an Basedows Philanthropin in Dessau und Übersetzer altrömischer Schriftsteller, u.a. der Zehn Bücher über Architektur von Vitruv, August Rode.

18B. Die Edition der Amtlichen Schriften

19Bisher wurden 310 Einzeldokumente ermittelt, die insgesamt annähernd 1000 Seiten ausmachen. Davon gehören 61 Schreiben zum Komplex Akademie der Wissenschaften, 41 zum Komplex Akademie der Künste und 16 zur (mit der Akademie der Künste verbundenen) Bauakademie. Weitere 176 Schreiben sind dem Themenkomplex Museumskommission zuzuordnen sowie einige wenige anderen angrenzenden Themen. Es handelt sich dabei vor allem um Voten und Promemorien Hirts in den beiden Akademien sowie um die Dienstkorrespondenz zwischen Hirt (und Schinkel) und dem Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten (ab 1817 kurz: Kultusministerium). Es sind demzufolge verschiedene Quellengattungen vertreten: darunter Denkschriften, Instruktionen, Anfragen, Eingaben, Korrespondenzen. Die Berichte und Gutachten an das Kultusministerium in Angelegenheit des königlichen Kunstmuseums sind nur zu etwa ¼ von Hirt allein verfasst; zu ¾ sind sie von Hirt und Schinkel gemeinsam unterschrieben. Sie sind meist von einem Schreiber, einige aber auch eigenhändig von Hirt ausgefertigt.

20Hirts amtliche Tätigkeiten sind bislang nur einseitig bekannt; das umfangreich überlieferte Quellenmaterial ist erst zum Teil erschlossen. Sind die großen programmatischen Denkschriften bereits publiziert, so stehen die zahlreichen Dokumente, die Hirts Detailarbeit zeigen, sozusagen sein Alltagsgeschäft, sein schrittweises Verfolgen einer großen Idee (Kunstmuseum), sein geschicktes Lavieren mit den Behörden und sein entschiedenes Voranbringen von grundlegenden Akademieangelegenheiten noch aus. Es fehlt eine Überblicksdarstellung seiner breit gefächerten Wirksamkeit auf Basis dieses Quellenmaterials. Diese Lücke soll durch das zweite Teilprojekt geschlossen und „der ganze Hirt“ in seinen verschiedenen Beziehungsgeflechten nacherlebbar gemacht sowie kulturpolitische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse erkennbar werden. Damit eröffnet die Edition einen gründlichen Einblick in die komplexen Zusammenhänge innerhalb der Kunst- und Kulturpolitik des preußischen Staates am Ende des 18. und im frühen 19. Jahrhundert, dazu ein wesentliches Stück Berliner Akademiegeschichte, besonders zu Zeiten der Akademiereformen. Die amtlichen Schriften zeigen deutlich die kunst- und kulturgeschichtlichen Leistungen Hirts wie auch seine Irrtümer und Fehleinschätzungen; sie zeigen das Neue, teilweise Revolutionäre an Hirts Einschätzungen der ägyptischen Kunst und Architektur wie auch der „nordischen Malerei“ einerseits wie auch sein Stagnieren bei der Herausbildung einer veränderten Kunstanschauung (vertreten durch Schinkel, Waagen, Rumohr, W. v. Humboldt) andererseits. Hirt war ein großer Anreger und emsiger Gestalter, dessen Erfolge und dessen Scheitern die Kunstdebatten der Zeit widerspiegeln. Es geht weniger um die Anerkennung von Hirts Leistungen – dies ist in letzter Zeit wiederholt geschehen –, sondern um seine kulturhistorische Einordnung, die Bewertung seiner kunst- und architekturhistorischen Dispute, seine Stellung in der Berliner, der preußischen und der europäischen Gelehrtenwelt wie auch innerhalb einer monarchisch dominierten Wissenschafts-, Kunst- und Baugeschichte.

21Durch die Zuordnung der Dokumente zu Amtsbereichen bzw. Institutionen (Akademie der Wissenschaften / Akademie der Künste / Bauakademie / Museumskommission) sind die Themenschwerpunkte in ihrer jeweiligen Chronologie übersichtlich nachvollziehbar.

22Die Themen-Schwerpunkte sind dem ersten Teilprojekt adäquat:

231. Hirt als Cicerone in Rom und Kunstberater des preußischen Hofes

24 1. Hirt als Cicerone in Rom und Kunstberater des preußischen Hofes

25 2. Hirt als Anreger und Organisator des ersten Berliner Kunstmuseums

26 3. Hirt als Kunstberater des preußischen Hofes und seine Entwürfe zu verschiedenen Bauprojekten (außer dem Kunstmuseum)

27 4. Hirt und der durch Napoleon veranlasste Raub preußischer Kunstschätze

28 5. Hirt an der Bauakademie und an der Universität.

29Weist der private Briefwechsel Hirts erhebliche Lücken auf (bedingt vor allem durch das Fehlen seines Nachlasses), ist dies bei den amtlichen Schriften in geringerem Maße der Fall, da diese durch die jeweilige Behörde archiviert wurden und auch die ausgegangenen Schreiben als Aktenabschriften dokumentiert sind. Die gute Quellenlage lässt Hirts Tätigkeit in der Kunst-, der Wissenschafts- und der Bauakademie nachvollziehen wie auch seine umfangreichen Aktivitäten als Kunstberater des preußischen Hofes und als Mitglied der Kommission zur Einrichtung eines preußischen Kunstmuseums, dessen Aufgaben er mehrere Jahre lang gemeinsam mit Karl Friedrich Schinkel ausführte. In manchen Jahren, in denen kaum Privatbriefe überliefert sind, existieren jedoch zahlreiche amtliche Schreiben, die dann die Lücken ausfüllen und Hirts Tätigkeiten nachweisen.

30a) Hirts Aktivitäten in der Wissenschaftsakademie sind in den Protokollen der Klassensitzungen bzw. in den Senatsprotokollen überliefert. Es geht um seine Arbeit im Münz- und Medaillenkabinett, um Vorschläge für neue Mitglieder, um den Napoleonischen Kunstraub und den Ersatz für die entwendeten Kunstwerke, um die Neuorganisation der Akademie und ein neues Akademiereglement sowie um Entwürfe für Denkmäler, Gedenkmedaillen und Schaumünzen. Im Jahr 1821 erhebt Hirt Anspruch auf seine Immunitäten, ist danach nur noch selten bei den Klassensitzungen anwesend und liefert nur noch sporadisch Beiträge.

31b) In der Kunstakademie ist Hirt federführend an der Ausarbeitung einer neuen Verfassung beteiligt und liefert Gutachten zum Zeichen- und Bauunterricht an der Akademie. Nachdem sich Hirt anfangs stark für die Gründung einer eigenständigen Bauakademie einsetzt und deren Einrichtung kenntnisreich begleitet, führen Streitigkeiten mit dem Kuratorium der Bauakademie in den Jahren ab 1801 über den Inhalt seiner Vorlesungen schließlich 1806 zu seinem Austritt.

32c) Zur Museumskommission liegen besonders viele Dokumente für die Jahre 1820-1829 vor, mitunter bis zu drei Schreiben an einem Tag, bis Hirt 1829 „Dispens“ von seinen Geschäften beim Kunstmuseum erbittet. Hirt ist an allen Entwicklungsetappen der Einrichtung eines preußischen Kunstmuseums beteiligt, anfangs allein, ab 1822 gemeinsam mit Karl Friedrich Schinkel. Nachdem er die Errichtung eines öffentlichen Bildungsmuseums der europäischen Kunstgeschichte in Berlin 1797 überhaupt erst initiiert und 1798 einen ersten eigenen Museumsentwurf vorgelegt hat, ergeht an ihn 1820 ein Kabinettsbefehl des Königs, die in den verschiedenen preußischen Schlössern verteilten königlichen Kunstschätze zu sichten und eine Auswahl für ein Museum zu treffen. 1821 erfolgt der Ankauf der bedeutenden Kunstsammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly, die bis heute den Kernbestand der Berliner Gemäldegalerie ausmacht. Hielt Hirt noch längere Zeit an seiner Idee fest, die Bilder im dafür um- und auszubauenden Akademiegebäude bzw. im Palais des Prinzen Heinrich zu zeigen, setzt sich Schinkel 1823 mit seinem Plan eines Museums-Neubaus durch. Die Auswahlkommission für die auszustellenden Bilder bestand aus Hirt und Schinkel, von denen immer wieder Gutachten zu Antiken oder Gemälden, die zum Kauf angeboten wurden, angefordert werden. Hirt ist damit Entscheidungsträger bei der Auswahl der Kunstobjekte für das Museum, bei der Bewertung und dem Ankauf von Kunstwerken, bei der Auswahl restaurierungsbedürftiger Objekte wie auch bei Art und Umfang der Restaurierungen. Ihm obliegen die Aufsicht über die Restaurierungsarbeiten, die Auswahl und Anmietung der dafür nötigen Gebäude, Personalentscheidungen (Einstellungen, Gehaltszahlungen, Prämien) bis hin zu Feuerversicherungen. Die Dienstkorrespondenz von Hirt und Schinkel verläuft in der Regel über Karl vom Stein zum Altenstein, dem ersten Ressortchef des Kultusministeriums, der als enger Vertrauter des Staatskanzlers von Hardenberg für Kunstangelegenheiten zuständig zeichnete. Diskrepanzen zwischen Hirt und Schinkel um die Aus- und Einrichtung des Museums, der unterschiedliche Kunstanschauungen zu Grunde liegen, führen zur Auflösung dieser ersten Kommission. Der 1829 eingesetzten neuen Kommission, zu deren Vorsitzenden Wilhelm von Humboldt ernannt wird, gehört Hirt nicht mehr an.

Anmerkungen

  • [1]Hirt an Goethe. Berlin, 4. Oktober 1806 (Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, 28/416, St. 3)
  • [2]Vgl. Elsa van Wezel: Das akademische Museum. Hirts gescheiterte Museumsplanungen 1797/98, 1820 und 1825. In: Aloys Hirt. Archäologe, Historiker, Kunstkenner. Hrsg. von Claudia Sedlarz unter Mitarb. von Rolf H. Johannsen. Hannover-Laatzen 2004, S. 105 (= Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800, Bd. 1).
  • [3]Hirt an Karl August Bottiger, Berlin, 9. Juli 1822 (SLUB Dresden, Mscr. Dresd. h 37, Bd. 87, S. 144).
  • [4]Adolf H. Borbein: Aloys Hirt, in: Reinhard Lullies, Wolfgang Schiering (Hgg.): Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache. Mainz 1988, S. 13.
  • [5]Neue Deutsche Biographie (NDB), Artikel zu „Hirt“ von Wolfgang Frhr. v. Löhneysen, 1972.